25. September 2017

Das Queer entscheidet

Quelle: jungefreiheit.de

Foto: kirchentag.de

von Thorsten Brückner

Das diesjährige Motto des Kirchentags ist einer biblischen Geschichte von Flucht und Vertreibung entnommen. Wie könnte es auch anders sein? „Du siehst mich“ (Genesis 16,13), rief Abrahams Magd Hagar zu Gott, als sie vor den Demütigungen durch dessen Frau Sara in die Wüste geflohen war.

Das Programm liest sich auch 2017 über weite Strecken wie das Einmaleins der Narreteien. „Ein Leib – viele Geschlechter – Trans und Intersexualität“ ist ein Programmpunkt, der ganz sicher viele Christen in ihren jeweiligen Ortsgemeinden täglich umtreibt.

Das Evangelium für Außerirdische?

Genauso wohl wie die Diskussion „Für eine sanfte Revolution der Sprache: Einladende Impulse für die Genderdebatte“, die Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au im idea-Interview übrigens allen Ernstes mit dem Beitrag Martin Luthers für die deutsche Sprache vergleicht.

Wer diese beiden Veranstaltungen besucht hat, könnte sich nach einer Pause sehnen. Vielleicht sogar nach einer extraterrestrischen. Denn auch E.T. fragt angeblich: „Siehst du mich?“ Endlich beschäftigt sich mal jemand mit der Frage, ob auch Außerirdische erlöst werden können. Ist Jesus auch für Marsmenschen gestorben? Kirchentagsbesucher wissen bald mehr.

So ganz abwegig ist die Fragestellung übrigens nicht. Selbst der weltbekannte christliche Apologet und Autor C. S. Lewis beschäftigte sich in seiner 1943 erschienenen „Perelandra“-Trilogie genau mit diesem, zumindest für Theologiebegeisterte gar nicht mal so irrelevanten Gedankenspiel.

Slalom ums goldene Flüchtlingskalb

Wieder zurück auf der Erde muß der asylkritische Christ dann allerdings Slalom um das goldene Flüchtlingskalb laufen. „Kirchenasyl – Erfolgsmodell in der Warteschleife“, „Migration als letzter Ausweg?, Klimawirkungen und Armut“, „Refugees welcome – so gelingt Integration“ gehören noch zu den neutraleren Titeln. Unter dem Stichwort „Ver-queeres Willkommen“ erörtet eine Gesprächsrunde „die Situation von LSBTTIQ-Geflüchteten und deren Forderungen“.

Die Warnung vor einer „Wiederkehr des völkischen Denkens“ darf dabei natürlich nicht fehlen. „Neue Rechte – braune Esoterik – Neugermanen“, so der einladende Veranstaltungshinweis. Praktisch wird es dann beim Planspiel: „Mehrere Bewerberinnen und Bewerber bei der kommenden Gemeinderatswahl sollen einer rechtspopulistischen Vereinigung nahestehen. Wie soll die Gemeinde damit umgehen“, lautet die Fragestellung. Ob Teeren und Federn zu den Antwortmöglichkeiten gehören?

Spannend dürfte dabei vor allem die Abgrenzung sein, ab wann jemand überhaupt als rechtspopulistisch gilt. Einige Theologiestudenten und -dozenten hielten diese Debatte für überflüssig und meinten im Vorfeld des Kirchentags, dieses Prädikat auch der Vorsitzenden der Vereinigung „Christen in der AfD“, Anette Schultner, anheften zu müssen und starteten eine Online-Petition gegen ihre Teilnahme am Kirchentag.

Messianische Juden sind erneut nicht erwünscht

Eine Diskussionsrunde über „Christen in der AfD“ ohne Christen in der AfD ging dann aber selbst den eifrigen Gegen-Rechts-Kämpfern des Kirchentags zu weit, die Politiker der Partei ansonsten zu unerwünschten Personen im Sinne der christlichen Nächstenliebe erklärt haben. Präsidentin Aus der Au stand zur Einladung Schultners, die an Christi Himmelfahrt in der Sophienkirche mit der christenkritischen Journalistin Liane Bednarz und dem Landesbischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, diskutieren wird.

Trotz all der Appelle für Vielfalt und Toleranz sind die messianischen Juden auch diesmal nicht erwünscht. Ihnen wirft die Kirchentagspräsidentin gar „Überheblichkeit und Ignoranz“ vor. Grund: Sie geben anderen Juden die Botschaft vom Evangelium weiter.

Für den Kirchentagsbesucher ohne dezidiert linkes Weltbild werden die vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltungen seit Jahren immer weniger. Aber auch in diesem Jahr gibt es sie noch. Etwa bei den Themen „Religionsfreiheit – bedrohtes Recht“ oder der Debatte „Offene Gesellschaft – wo sind die Grenzen der Toleranz?“ Auch ein Gespräch mit Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen verspricht erkenntnissteigernden Wert.

Obama kommt

Ein echter Coup ist den Veranstaltern mit dem Besuch des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama gelungen. Böse Zungen wittern hinter dem Event mit Angela Merkel am Brandenburger Tor Wahlkampfhilfe für die amtierende Bundeskanzlerin. Das weist Aus der Au entschieden zurück: „Wir freuen uns, daß er uns über die Gestaltung von Demokratie und Weltverantwortung Auskunft gibt.“

Damit schließt sich dann auch der Kreis zum Themenkomplex Flucht und Migration. Eine Krise, die es ohne den Friedensnobelpreisträger und seinen „regime change“ in Libyen 2011 in dieser Dimension wohl gar nicht gegeben hätte. Zeitgleich zum Auftritt des Ex-Präsidenten findet übrigens ein Gottesdienst zum Thema „Friedenswege – Friedensräume“ statt. Mit einer Predigt der Lutherbotschafterin Margot Käßmann.

JF 22/17