18. November 2017

Deutschland: Markt für Menschenhandel und Prostitution

Quelle: kultur und medien online

Foto: M.E./pixelio.de

Foto: M.E./pixelio.de

Es sind erschreckende Zahlen: Mindestens 40.000 Opfer – Kinder, Jugendliche, Frauen – werden in Europa jedes Jahr zur Zwangsprostitution gezwungen. Wie „Die Welt am Samstag berichtet, ist die sexuelle Ausbeutung auch in Deutschland ein großes Problem. Deutschland sei ein wichtiger Markt für Menschenhändler.

Das Problem ist bekannt – das genaue Ausmaß nicht. „In Deutschland gibt es kaum Informationen zu Kinderprostitution, weil uns einfach das Wissen, die Fakten und die Zahlen fehlen, sagt Mechthild Maurer, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung (ECPAT). Dabei sei für die Bekämpfung ein besseres Wissen unabdingbar.

Jedes vierte Opfer unter 18

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass mehr als jedes vierte Opfer unter 18 Jahre alt ist. In Deutschland entdeckte die Polizei 2011 bei Kontrollen rund 650 Geschädigte. Mehr als jeder Zehnte war zwischen 14 und 17 Jahre alt. 13 Opfer sollen sogar jünger als 14 Jahre gewesen sein. 482 Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung wurden 2011 abgeschlossen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

Die Kriminalstatistik der Polizei sei nicht detailreich genug. So gebe sie zwar Auskunft über sexuelle Gewalt und Missbrauch, aber nicht über die dahinterliegenden Strukturen. Kinderprostitution findet im Verborgenen statt. Erhebungen sind deshalb schwierig. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte, wie etwa bei der Dortmunder Mitternachtsmission, die eng mit Prostituierten zusammen arbeitet: etwa jede elfte hilfesuchende Person ist minderjährig.

Menschenhandel: Milliardengeschäft

Auch das Wissen über die Freier ist beschränkt. Meist sind es Männer über 40, und sie kommen aus allen Milieus. “Wir wissen, dass Kinderprostitution vielfältiger ist als angenommen“, sagt Maurer. Ein Milliardengeschäft in der EU ist der Menschenhandel. Doch zu den Opfern gehören nicht nur Mädchen und junge Frauen aus Osteuropa oder Afrika, sondern auch viele Deutsche.

Manche von ihnen gehen einem geregelten Alltag nach, andere wiederum stammen aus dem Drogenmilieu und sind häufig obdachlos. Auch die Wege in die Prostitution sind vielfältig: Die Jungen und Mädchen kommen sowohl über Bekannte und Verwandte in die Prostitution als auch über fremde Männer und Frauen, die sich das Vertrauen der Jugendlichen mit Hilfe unterschiedlicher Tricks erschleichen.

Loverboys führen Mädchen auf den Strich

Eine Herangehensweise, um Mädchen dazu zu bringen, sich zu prostituieren, ist der Einsatz sogenannter Loverboys, weiß Silvia Vorhauer, Sozialarbeiterin bei der Mitternachtsmission. Loverboys sind meist junge Männer, die gezielt Mädchen in der Pubertät suchen und ansprechen – in Schulen, in Kneipen oder Discotheken. Durch eine nett-charmante Art bringen sie die Mädchen in eine emotionale Abhängigkeit. Die Mädchen sind vom Werben des Loverboys beeindruckt und verlieben sich. Im Laufe der Beziehung werden sie dann von ihren ursprünglichen Freunden und der Familie isoliert, der Loverboy wird immer wichtiger. Schließlich erzählt er von seinen “Problemen“. Zum Beispiel, dass er Spielschulden habe und von seinen Gläubigern körperlich bedroht werde. Die Mädchen müssten ihm helfen, schnell an Geld zu kommen. Viele ließen sich darauf ein und werden anschließend auf den Strich geschickt.

Auch eine andere Masche der Täter ist oft verbreitet: Sie locken ihre Opfer in Wohnungen, von denen es in Berlin beispielsweise dutzende gibt. Ausgestattet mit Spielzeug, Computer und Erwachsenen, die den Kindern zuhören und denen, die oft vernachlässigten Opfer, ihre Probleme erzählen können. Dann werden sie fotografiert, ihre Bilder werden danach an Freier geschickt. Allein im Berliner Bezirk Schöneberg soll es mehrere Lokale geben, in denen Kinder vermittelt würden. Oft sei die Kinderprostitution auch mit Adoption getarnt.

Wie Jungen zu sexuellen Handlungen gelockt werden

Zunehmend seinen auch Jungen betroffen, erklärt Maurer. Diese würden mit ähnlichen Mitteln angelockt – zum Beispiel durch sogenannte offene Wohnungen. Angemietet von Pädosexuellen, dienen sie zunächst einmal als Treffpunkt. Dort gibt es Spiele, Playstations, Kicker und die Möglichkeit Filme zu gucken, irgendwann auch Pornofilme. Die Jungen bauen Beziehungen auf, freunden sich vielleicht sogar mit den Männern an. Schließlich werden sie zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Viele machen mit, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen.
Der Kontakt zu den Betroffenen ist schwierig. Nur selten wenden sie sich von selbst an Hilfsorganisationen. Häufig sind es Verwandte, wie Schwester oder Bruder, die Verdacht schöpfen. Doch der Weg bis zum Ausstieg ist lang. Es liegt auch daran, dass viele Jugendliche sich ihrer Notlage zunächst gar nicht bewusst sind.

Es gibt ein Phänomen das ‘Einstiegseuphorie‘ genannt wird. Es bedeutet: Mädchen – mitten in der Pubertät – lehnen sich gegen Regeln und Normen in der Gesellschaft auf, gehen in die Prostitution und in ein Tabu – und dieses Tabu wird auch noch profitabel, erklärt Sozialarbeiterin Vorhauer. Zudem kommt häufig die Angst der Mädchen, dass die Beziehung zu dem Loverboy beendet wird. Ein Ausstieg erfolge deshalb erst, wenn die Mädchen es auch selbst möchten.

Was tut die Bundesregierung gegen Menschenhandel und Prostitution?

Und was macht die Regierung während irgendwo in Deutschland Mädchen versklavt, Frauen missbraucht und Kinder zur Zwangsprostitution gezwungen werden? Sie lässt sich Zeit mit einem Gesetzentwurf, der Opfern mehr Schutz bieten soll. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) kündigte vor fast zwei Jahren einen Entwurf an, der Menschenhandel und Zwangsprostitution erschwere, berichtet die Welt. Das geplante Gesetz sehe vor allem zwei Änderungen vor: Zum einen solle auch Menschenhandel bestraft werden, der im Zusammenhang mit Bettelei, Organhandel, Drogenhandel und Diebstahl stehe. Zum anderen sollen zukünftig auch Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren nach Paragraph 233 des Strafgesetzbuches als besonders schutzbedürftig stehen, schrieb die Welt weiter.

Ein erschreckender Fakt: Laut Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vom September 2012 haben die Bemühungen, Opfer in Deutschland zu schützen, seit 2010 sogar deutlich nachgelassen.