21. August 2017

Türkische Gemeinde wirft Deutschen fehlende Vergangenheitsbewältigung vor

Quelle: jungefreiheit.de

Sprecher des TBB wirft Deutschen mangelhafte Geschichtsaufarbeitung vor

Sprecher des TBB wirft Deutschen mangelhafte Geschichtsaufarbeitung vor

BERLIN. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) hat den Deutschen eine mangelhafte Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus vorgeworfen. Zwar habe es die Nürnberger Prozesse gegeben, Arbeiter in Rüstungsfabriken, Polizisten, Beamte und „Millionen andere“ seien von der Entnazifizierung jedoch nicht betroffen gewesen, kritisierte der Sprecher des TBB, Hilmi Turan, am Dienstagabend auf einer SPD-Veranstaltung in Berlin.

Dies habe dazu geführt, daß Rassismus in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern weitgehend „tabuisiert“ worden sei. Hinzu komme ein „vergiftetes Klima“ in der Bundesrepublik, in dem Ausländer seit den 90er Jahren zu Sündenböcken gemacht worden wären, sagte der TBB-Sprecher. Dabei spräche die vierte Generation der Einwanderer mittlerweile fast besser Deutsch als die Muttersprachler.

„Tag gegen Rassismus“ angekündigt

Mit Blick auf die Debatte um die „Zwickauer Terrorzelle“ behauptete Turan, viele Migranten hätten bereits lange gewußt, daß es sich bei den Tätern um Rechtsextremisten gehandelt habe. Dagegen sei die Betroffenheit einiger Politiker nicht mehr als „Heuchelei“.

Scharfe Kritik übte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland auch an den Medien, die Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ erst zum Erfolg verholfen hätten: „Der Mann mußte Erfolg haben.“ Sarrazin repräsentiere eine „gesellschaftliche Mitte“, die für Rechtsextremismus anfällig sei. „Solange man Populismus nicht bekämpft, wird Rassismus nicht aussterben“, warnte Turan.

Kolat fordert von Wulff Rehabilitierung der Familien der NSU-Opfer

Für den 21. März kündigte er einen „Tag gegen Rassismus“ an, an dem die Türkische Gemeinde und andere Organisationen dazu aufrufen, um „fünf vor zwölf“ vor die Tür zu gehe, „irgendetwas zu machen“ und gegen Rechtsextremismus zu protestieren. (ho)

Unterdessen forderte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, Bundespräsident Christian Wulff auf, die Gesellschaft zum Kampf gegen Rassismus zu mobilisieren. „ Es geht darum, daß Ausländerhaß und Fremdenfeindlichkeit offen thematisiert werden und daß die Zivilgesellschaft dagegen vorgeht.“ Er forderte Wulff zudem auf, den „guten Ruf der betroffenen Familien“ wieder herzustellen, den diese durch „falsche Verdächtigungen verloren haben“. (ho)