15. Dezember 2017

Affäre Wulff: Wie Kirchenvertreter den Fernsehauftritt sehen

Quelle: idea.de

Schloss Bellevue - Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Schloss Bellevue - Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Berlin (idea) – Die Kredit- und Anrufaffäre um Bundespräsident Christian Wulff beschäftigt auch die kirchliche Öffentlichkeit. Mehrere führende Kirchenvertreter äußerten sich zum Fernsehauftritt des Staatsoberhaupts am 4. Januar. In einem Interview mit ARD und ZDF hatte Wulff zu Vorwürfen Stellung genommen, in denen es um umstrittene Privatkredite für seinen Hauskauf und kostenlose Urlaubsaufenthalte bei befreundeten Unternehmern geht. In die Kritik geraten war der Bundespräsident auch, weil er versucht haben soll, kritische Berichte zu verhindern.

Wulff gestand ein, dass ein Anruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann ein „schwerer Fehler“ gewesen sei, für den er sich entschuldige. Er habe aber nicht versucht, die Berichterstattung zu verhindern. Dieser Darstellung widersprach „Bild“ am 5. Januar. Zusammenfassend sagte Wulff: „Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe, aber nicht alles richtig war, was ich gemacht habe.“ Der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber (Wolfenbüttel) sagte gegenüber der Braunschweiger Zeitung, Wulff habe sich „jetzt zumindest ordentlich erklärt“. Er habe signalisiert: „Was gewesen ist, war nicht in Ordnung.“ Die Ansprüche seien nun natürlich umso höher. „Jetzt darf nichts mehr kommen“, so Weber. Sein erster Gedanke bei der Sendung sei gewesen: „Was für ein Jammer, dass so ein Gespräch überhaupt nötig ist. Schöner wäre es gewesen, wenn man über wichtige Themen hätte reden könne: Integration oder die Bankenkrise.“

„Vergebung gilt auch für Politiker“

Der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), fragte am 5. Januar gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „Wie lange soll die Hatz gegen den Bundespräsidenten mit neuen scheibchenweisen Enthüllungen bestimmter Medien unter höchsten moralischen Ansprüchen noch andauern?“ Der Bundespräsident habe sich in aller Öffentlichkeit entschuldigt für Verhaltensweisen, „die moralisch und politisch an der Grenze liegen“. Seine Entschuldigung verdiene Respekt. Rüß: „Vergebung gilt auch für Politiker. Das mögen jene bedenken, die offensichtlich ebenso an seiner Abdankung wie an der Suche nach Glaubwürdigkeit interessiert sind.“ In der Debatte komme einem vieles sehr selbstgerecht, pharisäerhaft, rechthaberisch und heuchlerisch vor: „Wer die Glaubwürdigung eines Politikers festmacht an vergleichbar hohen moralischen Ansprüchen, hätte einen Franz-Josef Strauß, Willy Brandt und Joschka Fischer nie erleben dürfen. Wer kann da bestehen?“ Aus dem „Fall Wulff“ werde zunehmend ein Fall der Medien, „die eine nicht enden wollende Stimmung gegen den Bundespräsidenten machen“.

VEF-Präsident: Wulffs Vorgehen zum Teil „sehr ungeschickt“

Der Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), Präses Ansgar Hörsting (Witten), nannte die Debatte um Wulff „zum Teil sehr erhitzt“. Zugleich finde er das Vorgehen des Bundespräsidenten „zum Teil sehr ungeschickt, unglücklich und für einen erfahrenen Politiker unangemessen“. Hörsting räumte aber ein, dass er „unsicher“ in seiner abschließenden Meinungsbildung sei. Er äußerte sich auch zu einem biblischen Bezug Wulffs in dem Interview. Der Bundespräsident war damit konfrontiert worden, dass er in der Vergangenheit selbst allerhöchste Maßstäbe an andere Politiker angelegt hatte. Wulff dazu: „Also wir müssen alle hohe Ansprüche haben in dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Und natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Und alle gingen bei dieser Steinigung. Weil allen klar wurde: Also Vorsicht, wenn Du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen andere auf Dich selbst. Insofern wird man auch lebensklüger.“ Hörsting sagte, er habe diese Äußerungen so verstanden, dass Wulff eingeräumt habe, früher selbst – im Bild gesprochen – „mit Steinen geworfen“ zu haben: „Das wäre zunächst beachtlich, weil es eine Selbstkritik wäre. Andererseits wird daraus im nächsten Atemzug ein Einhalt gebietender Appell an alle, die Herrn Wulff jetzt kritisieren. Das ist dann wiederum weniger hilfreich, weil mit dem Satz, den Jesus sagte, alle Kritiker zum Schweigen gebracht werden sollen. Das kann man so verstehen, muss man aber nicht.“ Für ihn bleibe einiges unklar, so Hörsting, sowohl was die Zitierung der Bibelstelle als auch was die Vorgänge der letzten Woche betreffe.