20. September 2017

Das türkische Pulverfaß

Quelle: jungefreiheit.de

Türkei

von Michael Paulwitz

Der Militärputsch in der Türkei war offenkundig zum Scheitern verurteilt. Wenn es das Ziel der putschenden Armeeangehörigen war, die Umwandlung der Türkei in eine islamistische autoritäre Präsidialdiktatur in letzter Sekunde aufzuhalten, dann haben sie diesmal zu lange gewartet.

Die Türkei als laizistische und säkulare Republik ist mit der gestrigen Nacht Geschichte. Westliche Politiker, EU, Nato und USA, die sich demonstrativ hinter Erdoğan gestellt und den Putschversuch verurteilt haben, haben sich damit offensichtlich achselzuckend abgefunden.

Skrupellos wird Erdoğan jetzt die letzten Widerstände und Machtfaktoren abräumen, die der Umwandlung der Türkei in einen islamistischen Staat noch entgegenstehen. Sein Auftrumpfen, der Putsch sein ein „Gottesgeschenk“, weil er die „Säuberung“ der Armee erlaube, spricht Bände: Bei der Islamisierung der Türkei wird jetzt der Turbogang eingelegt.

Weitere Integrationsdebatten kann man sich sparen

Und damit auch bei der weiteren Islamisierung der hier lebenden Türken. Erdoğan betrachtet sie als seine fünfte Kolonne – mit vollem Recht. Zu Tausenden sind sie in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Wien und zahlreichen anderen deutschen und österreichischen Städten seinem Ruf gefolgt und sind auf die Straßen gegangen, um gegen den Putsch zu protestieren und sein Scheitern zu feiern.

Wer die Bilder gesehen hat, wie vor dem Brandenburger Tor türkische Demonstranten durch ein Polizei-Megaphon „Allahu akbar!“ brüllen, kann sich weitere rituelle Integrationsdebatten sparen. Die „Integration“ großer Teile der türkischen Bevölkerung in Deutschland hat nicht stattgefunden und wird nicht stattfinden.

Jedenfalls nicht durch abstrakte „Integrationsgesetze“ und läppische „Integrationsvereinbarungen“ oder „Integrationskurse“. Ein Großteil der in Deutschland lebenden, hier geborenen und aufgewachsenen Türken sieht sich, Paß hin oder her, nicht als „Deutsche“, sondern als Türken. Erdoğan betrachtet sie als seine Untertanen und sie ihn als ihren Führer.

Erdogans Anhänger sind auch bei uns ein Machtfaktor

Und dieser Führer will einen islamischen Gottesstaat. Wenn ihm das in der Türkei gelingt, warum soll er nicht auch Deutschland in diese Richtung verändern? Seine Anhänger sind ein gesellschaftlicher Machtfaktor, seine Religionsbehörde darf hierzulande ohnehin nach Belieben schalten und walten, Moscheen betreiben und ihre Klientel indoktrinieren. Merkels grotesker Kuhhandel mit der Türkei in der Asylkrise hat Erdoğans Einflußmöglichkeiten in Deutschland noch erweitert.

Deutschland hat sich mit der Flutung durch muslimische Asyl-Immigranten ein neues Islamisierungsproblem mutwillig ins Haus geholt, das allein ausreichen könnte, um Staat und Gesellschaft zu sprengen. Daß die millionenfache türkische Zuwanderung im letzten halben Jahrhundert bereits ein solches Problem geschaffen hat, das bis heute ungelöst ist, ist darüber zeitweise in den Hintergrund getreten.

Der gescheiterte Militärputsch in der Türkei und die Reaktionen darauf seitens der bereits in Deutschland lebenden Türken ruft das unsanft wieder ins Bewußtsein. Mit den neuen Flucht- und Auswanderungsströmen aus der Türkei, die auf den Putsch und Erdoğans Rache dafür unweigerlich folgen werden, werden auch die inneren Konflikte der Türkei verschärft nach Deutschland importiert.

Naive Beifallsklatscher in den Parteien

Kaum anzunehmen, daß auch nur einer der naiven Beifallklatscher im Parteien-Establishment, die sich darüber freuen, daß der Putschversuch gescheitert und die „Demokratie“ in der Türkei gerettet sei, auch nur einen Gedanken an das Pulverfaß verschwendet haben, auf dem wir sitzen.