18. November 2017

Ist die evangelische Kirche noch Kirche Jesu Christi?

Quelle: idea.de

Lutherisches Einigungswerk: Homo-Beschlüsse sind ein „Einknicken vor dem Zeitgeist“. Foto: Cornelia Krauß

Lutherisches Einigungswerk: Homo-Beschlüsse sind ein „Einknicken vor dem Zeitgeist“. Foto: Cornelia Krauß

Abtreibung, Homosexualität Mission sind durchaus umstrittene Themen in den evangelischen Landeskirchen. Gegen ein „Einknicken vor dem Zeitgeist“ hat sich der Theologieprofessor Günther R. Schmidt auf einem Thementag des Lutherischen Einigungswerkes am 30. Mai in Leipzig stark gemacht.

Leipzig (idea) – „Sind wir noch Kirche Jesu Christi?“ Um diese Frage ging es bei einem Thementag des Lutherischen Einigungswerkes am 30. Mai in Leipzig. Wie der Theologieprofessor Günther R. Schmidt (Erlangen) sagte, haben die evangelischen Kirchen in Deutschland die Gräben innerhalb der weltweiten Ökumene mit ihren jüngsten Beschlüssen zum Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner im Pfarrhaus vertieft. Er bezeichnete sie als „Ausdruck ökumenischer Gleichgültigkeit“. Der Paragraf 39 des Pfarrdienstgesetzes der EKD, der das Zusammenleben homosexueller Pfarrerinnen und Pfarrer in die Zuständigkeit der Landeskirchen stellt, sei ein „Einknicken vor dem Zeitgeist“. Merkmal der Kirche sollte jedoch vielmehr ein „prophetischer Protest“ sein. Schmidt: „Das erfordert allerdings Mut zur Unpopularität. Und den lassen viele Kirchenvertreter in Deutschland vermissen.“

Abtreibung „größte moralische Wunde der Gesellschaft“

Das gelte auch im Blick auf „die größte moralische Wunde unserer Gesellschaft“, die Abtreibung. Es stimme ihn nachdenklich, wenn führende Kirchenvertreter die Bitte, bei einem Marsch für das Leben ein Grußwort zu sprechen, ausschlügen. Kritik übte der Theologe in diesem Zusammenhang auch an der Berichterstattung der Medien: „Heute ist ein Hühnerauge am Zeh eines Fußballers wichtiger als der Lebensschutz.“ So sei ein Protestmarsch gegen die Abtreibungspraxis in Deutschland, an dem in Nürnberg mehrere hundert Christen teilnahmen, in der örtlichen Presse mit keinem Satz erwähnt worden.

Von evangelischen Kanzeln wird „viel Unsinn“ erzählt

Mit Blick auf protestantische Gottesdienste erklärte Schmidt, von evangelischen Kanzeln werde häufig „viel Unsinn erzählt“. Er ermutigte die rund 50 Teilnehmer des Thementages jedoch dazu, an solchen Tagen Kraft aus den biblischen Lesungen, dem Gebet und dem Abendmahl zu schöpfen. Das werde vielfach unterschätzt. So lange evangelische Gottesdienste dem Inhalt nach mit denen der Apostel übereinstimmten – es also biblische Lesungen, Gebete und die Feier des heiligen Abendmahls gebe – , sei die evangelische Kirche auch Kirche Jesu Christi.

Indienreferent: Für Missionsarbeit bis heute dankbar

Der Indienreferent des Leipziger Missionswerkes, Christian Samraj, würdigte die Missionsarbeit der deutschen evangelischen Kirchen in der Vergangenheit. „Ihre Missionare haben uns in Indien Bildung, Gesundheit und das Wort Gottes gebracht. Dafür sind wir bis heute dankbar.“ Aus dieser Missionsarbeit sei unter anderem die stark wachsende Tamilkirche hervorgegangen. Heute sprächen Kirchenvertreter in Deutschland allerdings nur noch widerwillig über Mission, so sein Eindruck. Stattdessen drehten sich viele Predigten nur um zwei Themen, Gerechtigkeit und Frieden – „egal, was der Predigttext ist“, kritisierte der Theologe. Damit werde Kirche verwechselbar und mache sich selbst letztlich überflüssig. Samraj ermutigte dazu, dass Kirche vor allem in Ehe und Familie investieren sollte: „Gott und der Glaube können Ehen und Familien zusammenhalten.“ Das Lutherische Einigungswerk ist ein Werk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und hat seinen Sitz in Leipzig. Seine Aufgabe sieht es darin, die evangelisch-lutherischen Kirchen in Deutschland zu stärken, die bekenntnismäßige reine Lehre des Evangeliums zu wahren, sowie die gemeinsamen kirchlichen Interessen zu fördern. Vorsitzender ist der Theologe Prof. Karl-Hermann Kandler.