22. November 2017

Die Welt wird weiblich

Quelle: CIW (Christen in der Wirtschaft), Faktor C, 2/2012, S. 6-9.

Foto: Lisa Spreckelmeyer/pixelio.de

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Quotendebatte hin oder her – Frauen sind nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auf dem Vormarsch. Auch wenn man angesichts der aktuell lauten Diskussionen rund um fehlende Frauen in DAX-Vorständen in Deutschland und Europa meinen könnte, wir lebten in einem Gleichstellungs-Entwicklungsland, blenden diese Debatten doch weite Teile unserer Gesellschaft einfach aus, in denen sich Frauen etabliert haben und nicht mehr wegzudenken sind. Tendenz steigend – und das ist auch gut so. Fakt bleibt, dass noch niemals bisher in der Geschichte der Menschheit so viele junge Frauen in den Startlöchern standen wie heute. Sie werden ihren Weg gehen, und allein schon auf Grund des Fachkräftemangels wird man gar nicht mehr an ihnen vorbei kommen. Wir brauchen die Frauen, nicht nur zur Bewältigung der demographischen Krise, sondern mehr denn je in der Wirtschaft.

Die gesetzliche Gleichstellung einerseits und die massive Frauenförderung der vergangenen Jahrzehnte andererseits haben dazu geführt, dass heute mehr Mädchen und Frauen deutlich besser ausgebildet sind als Jungen und Männer. Mädchen machen häufigere und bessere Schulabschlüsse, sie stürmen die Universitäten und dort auch die Lehrstühle. So stieg die Zahl der Professorinnen in Deutschland von 1992 bis 1998 um 60 Prozent, im Jahr 2009 hatten sich die Damen an den Universitäten bereits über 18 Prozent aller Stellen ergattert – das mag in Prozent wenig klingen, bedeutet aber auch, dass sich die Zahl der Frauen innerhalb von 17 Jahren verdreifacht hat. Das wiederum ist viel.

Frauenförderung ist Prestigesache

Und die Bewegung geht weiter. Auch auf den Richterstühlen haben sie inzwischen die 50 Prozent-Marke überschritten und im medizinischen Bereich ebenso. Sieht man sich die Familienunternehmen in Deutschland an, dann sind dort bereits 25 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Auch hier Tendenz steigend. Weil heute eben nicht nur Söhne, sondern auch selbstverständlich die Töchter vom Vater die Firma übernehmen.

In der Bundesverwaltung sind bereits 58 Prozent der Berufseinsteiger Frauen. Und egal ob Bundeswehr oder Polizei, nirgendwo sind die Männer mehr unter sich – da werden auch schon mal die körperlichen Leistungsstandards herabgesetzt, damit der Frauenanteil höher werden kann. Kein Unternehmen, das etwas auf sich hält, kann heute auf ein Frauenförderprogramm verzichten – allein schon aus Imagegründen. Die Telekom machte es einst vor, dort rühmt man sich heute mit einem 58-prozentigen weiblichen Führungsnachwuchs, doch inzwischen machen unzählige Unternehmen mit. Sie ziehen sich gezielt den weiblichen Nachwuchs heran und versuchen, ihn auch über die Familienphase hinaus zu erhalten.

Spitzenpositionen in weiblicher Hand

Derselbe Trend in der Politik: Wir werden mit Angela Merkel von einer Frau regiert. Im Finanzsektor sitzt mit Christine Lagarde eine Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds. Unzählige Frauen stehen in zahlreichen Ländern an Spitzenpositionen, die früher Männern vorbehalten waren. Sicher, sie stellen nicht 50 Prozent der Führungspositionen, doch auch hier ist es eine Frage der Perspektive, ob es viele oder zu wenige sind. Denn Frauen engagieren sich deutlich weniger in Parteien und Politik als Männer. Doch diejenigen, die es tun, schaffen es heute auch bis ganz nach oben.

Selbst der alljährlich neu bemängelte Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen von angeblich 23 und mehr Prozent relativiert sich inzwischen gewaltig, bei genauerer Betrachtung. Vergleicht man ähnliche Berufe und ähnliche Branchen kommt sogar unser Statistisches Bundesamt nur noch auf einen Lohnunterschied von acht Prozent. Und das Kölner Institut der Wirtschaft hat ausgerechnet, dass sich der sogenannte „Gender Pay Gap“ auf magere vier Prozent relativiert hat bei Frauen, die kaum Unterbrechungen in der Berufslaufbahn haben, sprich, denen die Mutterschaft nicht den Weg durchkreuzt.

Sind Männer schlechtere Menschen?

Es geht beim Thema Gleichberechtigung ohnehin nicht nur um eine tatsächliche Teilhabe und körperliche Präsenz, sondern auch um eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und Förderung von Eigenschaften, die – berechtigt oder nicht – als typisch weiblich betrachtet werden. Plakativ gesagt: Frauen gelten als teamfähiger, kommunikativer und empathischer, also gut– Männer als risikoreiche und aggressive Einzelgänger, also schlecht. Man könnte fast meinen, Frauen seien in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen die besseren Menschen.

„Die Welt wird weiblich“, betitelte konsequenterweise die Werbeagentur Grey Düsseldorf bereits vor zwei Jahren eine Broschüre. Offenbar hatte zumindest diese Branche längst aufgenommen, was in feministischen Kreisen immer noch kleingeredet wird: Frauen haben in der Gesellschaft inzwischen an vielen Stellen das Sagen. Sie verdienen zunehmend ihr eigenes Geld und haben zusätzlich oft die Entscheidungsfreiheit über die gesamte Familienkasse. Sie bestimmen nicht nur ihr eigenes Leben weitestgehend selbst – sie entscheiden auch für andere mit.

Geld in Frauenhänden

Was sich früher auf den Familien- und Kindererziehungsbereich beschränkte, ist inzwischen beim Autokauf, bei der Hausfinanzierung und selbst im Baumarkt selbstverständlich – das Geld ist nicht mehr länger in der Hand des (männlichen) Familienvorstandes, es wird massiv von Frauen ausgegeben, und diese haben ihre eigenen Kriterien. Wer also einer Frau etwas verkaufen will, muss sie anders ansprechen, anders auf sie eingehen als auf einen Mann. Sie will nicht nur auf dem Heirats-, sondern auch im Supermarkt erobert werden – und die Werbebranche folgt ihr. Egal ob Wirtschaft, Politik, Familie oder Lifestyle, an den weiblichen Bedürfnissen kommt niemand mehr vorbei – etwas, das noch vor 100 Jahren undenkbar gewesen wäre.

Selbst in der Demokratie siegt inzwischen die weibliche Sehnsucht nach Harmonie. Die win-win-Situation und nicht die Konfrontation. Krieg ist männlich besetzt. Wer heute als Kandidat auf Stimmenfang ist, muss seine weibliche Seite hervorheben. Erinnern Sie sich an den Wahlkampf von Barack Obama? Die Welt diskutierte die muskulösen Oberarme von Gattin Michelle, während sich der Präsidentschaftskandidat selbst mit Töchtern und Pudeln ablichten ließ. Der Präsident heute ist nicht taff, sondern herzenswarm. Da wirken Regierungschefs wie Putin mit nacktem Oberkörper auf Pferderücken wie Fossilien des kalten Krieges.

Umstrittene Frauenquote

Man kann also durchaus von einem Siegeszug der Frauenbewegung sprechen – auch wenn die Diskussion noch nicht beendet ist darüber, ob die Entwicklung bereits ausreicht, noch weiter geführt werden muss oder gar schon über das Ziel hinausgeschossen ist. Es kommt auf die Perspektive an. In der Frauenquoten-Debatte wird dabei immer der Frauenanteil in den DAX-Vorständen als Gradmesser genommen, demnach gibt es noch viel zu tun.

Doch es verengt unseren eigenen Blick, wenn wir die Erfolge von Frauen auf einen recht kleinen Ausschnitt der Wirtschaft reduzieren, anstatt den Blick auf das große Ganze zu lenken. Denn eine zahlenmäßige Unterrepräsentanz von Frauen in manchen Bereichen ist nicht zwangsweise eine Diskriminierung, sondern nahezu eine logische Folge aus der Tatsache, dass Frauen zwar unaufhaltsam marschieren, sich aber gesellschaftlich betrachtet erst „vor Kurzem“ auf den Weg in die bislang männlich dominierten Bereiche gemacht haben. Eine jahrhundertelange Vorherrschaft der Männer, die lange Zeit auch gesetzlich zementiert war, lässt sich nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten komplett auf den Kopf stellen. Und in manche Bereiche wollen Frauen gar nicht hin.

Demographieproblem bleibt ungelöst

Der massive Erfolg von Frauen hat andererseits auch eine Kehrseite, denn keine positive Entwicklung ohne Schattenseiten. Eine der größten Herausforderungen der modernen Gesellschaft ist bislang ungeklärt geblieben: die demographische Krise. Mit steigendem Engagement von Frauen für die Karriere stagniert die Zeit für Familie und Kinder. So bleibt es trotz einzelner Gegenbeispiele Fakt, dass eine Frau statistisch immer weniger bis gar keine Kinder hat, je höher sie auf der Karriereleiter steigt. Einerseits ist der Weg frei gemacht worden für Frauen in männliche Domänen – doch noch fehlt ein spezifisch weiblicher Weg, der Karriere und Familie möglich macht. Frau kann mit dem Mann mithalten, wenn sie seinen Lebenslauf einschlägt und sich nicht von Familie und Kindern abhalten lässt – doch was ist, wenn sie Kinder bekommt (und das wollen wir ja)?

Nach wie vor gibt es trotz Kita-Ausbau und Familienförderung keine überzeugende, politische Lösung für die Tatsache, dass derjenige, der sich um die Erziehung von Kindern kümmert, beruflich zurücktreten muss und die Gesellschaft sie oder ihn mit diesem Risiko alleine lässt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob der Vater oder die Mutter dies zukünftig tun wird. Derjenige, der seine berufliche Laufbahn, und sei es nur zweitweise, zurückstellt zugunsten von Kindern, steigert sein Armutsrisiko vor allem im Alter und die Gefahr, nach der Kinderphase nicht mehr an die Karriere anknüpfen zu können.

Was Frauen wollen

Konsequenterweise fokussiert sich die Politik derzeit auf die Option der Betreuung der Kinder außer Haus, um den Weg in die Berufstätigkeit gerade von Frau zu ebnen. Dies entspricht allerdings nicht zwangsweise den Lebensvorstellungen der Mütter oder gar den Bedürfnissen ihrer Kinder. Laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach wollen nahezu zwei Drittel aller Frauen ihre Arbeitszeit zugunsten der Kinder reduzieren – trotz aller finanziellen Risiken, die damit verbunden sind. Es gibt also noch viel zu tun.

Ein weiterer Schatten des weiblichen Siegeszuges fällt auf die männliche Welt. Die massive Frauen- und auch Mädchenförderung ist nicht spurlos an ihnen vorbeigezogen. In den Schulen fallen die Jungs zurück. Sie bleiben häufiger sitzen, verlassen häufiger ohne Schulabschluss oder mit schlechteren Zensuren unsere Bildungseinrichtungen. Die Vodafone Stiftung hat in einer Studie sogar festgestellt, dass Jungen in der Schule durchschnittlich schlechtere Noten erhalten, als Mädchen. Wird ohne Wissen um das Geschlecht des Schülers bewertet, fallen die Zensuren jedoch zugunsten der Jungen aus.

Müssen Jungs weiblicher werden?

Hinzu kommt: Jungs ecken häufiger mit ihrem Verhalten an. Sie sind stürmischer, aggressiver und passen damit offenbar ebenfalls nicht mehr in die Norm. Auch hier zeigt sich, dass typisch männliches Verhalten nicht mehr geduldet wird und sich das weibliche, empathische Verhalten als Ideal durchgesetzt hat. Hinzukommt eine weibliche Dominanz gerade in der frühen Erziehung und ein Fehlen männlicher Rollenbilder. Nicht wenige Eltern von Jungs beklagen sich inzwischen, dass ihre Söhne erst dann gruppenkonform sind, wenn sie ihr Verhalten dem der Mädchen anpassen. Mediziner berichten besorgt, dass sich die Diagnosen von ADHS und die Einnahme von Ritalin vor allem auf die Jungs konzentrieren.

Doch auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen haben männliche Problemfelder nicht einmal annähernd die Aufmerksamkeit, die sie hätten, wären Frauen davon betroffen. Ein paar Beispiele: Männer führen die Statistiken an bei den Arbeitsunfällen, sie besetzen die Liste der lebensgefährlichen Berufe mit den ersten zehn Plätzen, sie sind Spitze bei dem Anteil an den Obdachlosen und in den Kriminalitätsstatistiken. Der Siegeszug der Frauen hat sich also gezielt in positiv besetze Bereiche vollzogen, während risikoreiche, anstrengende und lebensbedrohliche Lebensumstände von Frauen gemieden und natürlich auch nicht angestrebt werden.

Männer sind nicht gleichgestellt!

Auch im gesetzlichen Bereich hat sich die Gleichstellung der Geschlechter nur dort durchgesetzt, wo Vorteile für Frauen zu ergattern waren, ohne die Nachteile ebenfalls in Kauf zu nehmen. So bekommen im Falle einer Scheidung nach wie vor in über 90 Prozent der Fälle die Frauen das Sorgerecht zugesprochen, obwohl wir doch andererseits mehr Engagement der Väter fordern und sie dieses auch zunehmend bringen. Selbst die Diskussionen um Frauenquoten handeln nicht von den Berufen unter Tage, auf dem Bau oder bei der Stadtreinigung, sondern nur von den prestigeträchtigen und gutbezahlten Jobs.

Nicht zuletzt sind selbst im sprachlichen Bereich nur dort Frauen betont, wo es gut klingt: Wir reden also von Mitbürgerinnen und Mitbürgern, von Ärzten und Ärztinnen, von Piloten und Pilotinnen, um politisch korrekt Frauen und Männer gleichermaßen zu berücksichtigen. Letztendlich wird es aber erst dann volle Gleichberechtigung mit allen positiven und negativen Konsequenzen gerade auch für Frauen geben, wenn wir mit der gleichen Selbstverständlichkeit von Mörderinnen und Mördern sprechen werden.

Birgit Kelle (Frau 2000plus)