21. November 2017

DDR-Geschichte: Christen empört über Margot Honecker

Quelle: idea.de

Hamburg/Dresden/Berlin (idea) – Empörung bei Kirchenvertretern und Opfern der DDR-Diktatur haben Äußerungen der einstigen Volksbildungsministerin Margot Honecker ausgelöst. Nach ihren Worten war der Versuch von tausenden DDR-Bürgern, in den Westen zu fliehen, eine „Dummheit“. Das sagt die 84-jährige in Chile lebende Witwe des früheren Partei- und Staatschefs Erich Honecker (1912-1994) im Dokumentarfilm „Der Sturz – Honeckers Ende“, der am 2. April in der ARD ausgestrahlt wird.

Anlass, sich etwa für das Agieren der Stasi oder für die Mauertoten zu entschuldigen, sieht die Kommunistin weder für sich noch für die frühere DDR-Führung. Im Gegenteil: „Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt.“ Mit Blick auf die Mauertoten erklärt sie: „Es lässt einen nicht ruhig, wenn ein junger Mensch auf diese Weise ums Leben kommt. Man hat sich vor allem auch immer gefragt: Wieso hat er das riskiert? Warum? Denn das braucht ja nicht sein. Der brauchte ja nicht über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter.“ Es habe keinen Schießbefehl gegeben, sondern lediglich „Waffengebrauchsbestimmungen“. Tausende politischer Häftlinge, die in DDR-Gefängnissen saßen, bezeichnet Margot Honecker als „Kriminelle“. Die Staatssicherheit sei nötig gewesen, weil es eben auch Feinde in der DDR gegeben habe. Bis heute traumatisierte Opfer, die als Jugendliche in Jugendwerkhöfen unter Isolationshaft und Psychoterror litten, sind für sie „bezahlte Banditen“, während sie den Vorwurf der Zwangsadoption von Kindern politischer Gegner kategorisch leugnet: „Es gab keine Zwangsadoption.“

Bretschneider: „Unverschämtheit und maßlose Überheblichkeit“

Der langjährige sächsische Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider (Dresden) nannte es eine „Unverschämtheit und maßlose Überheblichkeit“, die Fluchtversuche von DDR-Bürgern als „Dummheit“ zu bezeichnen. „Diese Menschen hatten das Leben in der DDR so satt, dass sie dieses Wagnis unternommen haben“, sagte er gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagantur idea. Dabei sei es den meisten um ihr Gewissen oder die Zukunft ihrer Kinder gegangen. Viele litten bis heute unter den Ängsten, die sie damals durchstehen mussten. Es sei daher purer Hohn, wenn Frau Honecker die Gewissensentscheidung dieser Menschen als Dummheit bezeichne. Bretschneider, der von 1979 bis 1991 sächsischer Landesjugendpfarrer war, gilt als einer der ungewöhnlichsten deutschen Theologen. Während des Kalten Krieges führte er als Landesjugendpfarrer in der DDR die weltweit bekannt gewordene Friedenskampagne mit dem Bibelwort „Schwerter zu Pflugscharen“ durch. Es wurde 1980 auf 100.000 Lesezeichen und ein Jahr später auf 200.000 Aufnäher und weitere Lesezeichen gedruckt. Die Aktion führte dazu, dass die Staatsmacht in Panik geriet. Schüler und Lehrlinge, die es trugen, bekamen schwere Nachteile, wenn sie die Aufnäher nicht von ihren Jacken entfernten. In der Folge verweigerten immer mehr Jugendliche den Wehrdienst. Die Aktion gilt als eine Wurzel der Friedensbewegung in der DDR, die 1989 zur Friedlichen Revolution führte. Die Staatssicherheit hatte mehr 60 Inoffizielle Mitarbeiter auf ihn angesetzt.

Martens: Auch unter Christen viel Desinteresse an DDR-Vergangenheit

Der langjährige Vorsitzende des Evangelisch-Kirchlichen Gnadauer Gemeinschaftswerkes in der DDR, Pfarrer Hans-Joachim Martens (Woltersdorf bei Berlin), bezeichnete Honeckers Äußerungen in dem Dokumentarfilm als „ungeheuerlich“: „Wer so etwas mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR sagt, ist mehr als dumm.“ Noch mehr als Honeckers Äußerungen besorge ihn aber, dass sich auch unter Christen zunehmend Desinteresse an der DDR-Vergangenheit breitmache. Er habe aber die Hoffnung, „dass einige aufwachen, wenn sie Aussagen wie die von Margot Honecker hören“. Besonders junge Menschen weiterhin über die DDR-Diktatur zu informieren, sei in Ost wie West gleichermaßen nötig, so Martens. Wegen seines kirchlichen Engagements durfte zu DDR-Zeiten keines seiner vier Kinder studieren.

Vermeintlich bessere Gesellschaft war nur hinter „Gefängnismauern“ möglich

Pastor Reinhard Assmann (Berlin), Mitarbeiter des Historischen Beirats des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), sagte, Margot Honeckers Sicht habe sich in den vergangenen 20 Jahren nicht geändert: „Für sie war die DDR der Versuch, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.“ Dabei ignoriere sie allerdings, dass dies nur als Diktatur und hinter „Gefängnismauern“ möglich war. Assmann: „Versuchte also ein unschuldig Gefangener aus diesem Gefängnis auszubrechen, weil er es nicht als ‚Paradies’ erlebte, war er aus ihrer Sicht natürlich selbst verantwortlich, wenn er dabei erwischt wurde – ‚dumm’ ist allerdings eher diejenige, die das nicht verstehen kann!“ Assmann ist auch Mitgründer des Vereins Evangelisch-Freikirchliche Zeitgeschichte. Der Dokumentarfilm „Der Sturz – Honeckers Ende“ von Eric Friedler analysiert mit einer Vielzahl internationaler und nationaler Zeitzeugen-Interviews, darunter mit Helmut Schmidt, Wolfgang Schäuble, Michael Gorbatschow, Eduard Schewardnadse, Gregor Gysi, Manfred Stolpe, aber auch mit Opfern des DDR-Unrechtsregimes Aufstieg und Fall Erich Honeckers. Er wäre am 25. August 100 Jahre alt geworden.