22. November 2017

„Geballte Belanglosigkeit“ von der Kanzel?

Quelle: idea.de

Foto: Klaus-Peter Wolf/pixelio.de

Foto: Klaus-Peter Wolf/pixelio.de

Wetzlar (idea) – Sind schlechte Predigten daran schuld, dass der evangelische Gottesdienstbesuch zu wünschen übrig lässt? Gegensätzliche Antworten auf diese Frage geben zwei Experten in Beiträgen für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Ja, manchmal sind evangelische Predigten nicht mehr als „20 Minuten geballte Belanglosigkeit“, schreibt der Stuttgarter Pfarrer und Journalist Steffen Kern, Vorsitzender des Gemeinschaftsverbands „Apis“ (früher Altpietisten). Nein, das Predigtniveau ist eher gewachsen, meint hingegen der bayerische Pfarrer Udo Hahn. Er ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing (bei München) und steht der Jury für den ökumenischen „Predigtpreis“ vor. Diese Auszeichnung wird seit dem Jahr 2000 jährlich vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft (Bonn) verliehen.

Kern: Politisieren, psychologisieren, schwadronieren

Nach Angaben der EKD sinkt der ohnehin niedrige Gottesdienstbesuch weiter – von durchschnittlich 3,8 Prozent aller Kirchenmitglieder im Jahr 2009 auf 3,6 Prozent im Jahr 2010. Die Gründe seien vielschichtig und dürften nicht allein den Predigten angelastet werden, räumt Kern ein. Doch dürfe man auch nicht verkennen, dass schlechte Predigten Menschen von der Kirche fernhalten: „Zu viele Frauen und Männer auf den Kanzeln politisieren, psychologisieren und schwadronieren.“ Ihre Aussagen hätten wenig mit dem Leben der Kirchgänger und manchmal noch weniger mit den Aussagen der Bibel zu tun. Allzu schnell würden Allgemeinplätze formuliert: „Frieden ist besser, als Krieg zu führen; wir sollen fair gehandelten Kaffee trinken und weniger Auto fahren; im Übrigen sollten wir uns so annehmen, wie wir sind.“ Eine Ursache sieht Kern darin, dass immer mehr Prediger immer weniger Zeit zur Vorbereitung hätten: „Der Text hat nicht die Chance, die Gewohnheiten und Phrasen des Predigers zu durchbrechen.“ Belanglose Predigten wollten sich viele Menschen nicht antun; daher blieben sie zu Hause.

Hahn: Das Predigtniveau steigt

Hahn hält es hingegen für „wohlfeil“, die Ursache für das sinkende Interesse am Gottesdienst auf eine vermeintlich mangelnde Predigtqualität zurückzuführen. Ein wesentlicher Faktor sei vielmehr der Bevölkerungsrückgang. Zudem sei der geringe Gottesdienstbesuch der Protestanten nichts Neues; das zeige ein Blick in die Kirchenbücher des 18. und 19. Jahrhunderts. Als Vorsitzender der Predigtpreisjury könne er zudem den Eindruck nicht bestätigen, dass das Niveau sinke – „im Gegenteil!“ Die Sensibilität von Pastorinnen und Pastoren, bei Liturgie und Auslegung biblischer Texte Sorgfalt walten zu lassen, sei eher gewachsen. Auch kämen in regelmäßigen Gottesdienstrezensionen in Zeitungen und Zeitschriften Ausreißer nach unten so gut wie nicht vor. Nach Hahns Auffassung lässt sich der Gottesdienstbesuch stabilisieren oder sogar steigern, indem man die Angebotspalette erweitere. So erfreuten sich Gottesdienste am Sonntagnachmittag wachsender Beliebtheit.