15. Dezember 2017

Evangelikale und der Kampf ums Weiße Haus

Quelle: idea.de

Foto: Wikipedia/Gage Skidmore

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Des Moines (idea) – Wer wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Die Entscheidung fällt erst am 6. November, doch schon jetzt hat der Wahlkampf begonnen. Bei den Demokraten ist klar, dass Präsident Barack Obama eine zweite Amtszeit anstrebt, aber wer wird sein Gegner bei den Republikanern sein? Diese Frage wird bei Vorwahlen in allen 50 Bundesstaaten entschieden; den Auftakt machte Iowa am 3. Januar. Religion spielt in der Politik der USA eine viel größere Rolle als etwa in Deutschland.

Zwei Drittel aller US-Bürger wünschen sich Präsidentschaftskandidaten mit einem starken Glauben. Seit Jahrzehnten haben die rund 60 Millionen Evangelikalen großes politisches Gewicht. Ihnen wird etwa jeder vierte Wähler zugerechnet. Während sie früher fast geschlossen hinter den Republikanern standen, hat sich das Bild schon bei der Wahl vor vier Jahren verändert, aus denen Obama als Sieger hervorging. Doch mehrheitlich tendieren besonders die weißen Evangelikalen weiter zu wertkonservativen Republikanern.

Vorwahl in Iowa hat Signalwirkung

Bei den Parteiversammlungen in Iowa traten sechs Bewerber an. Dabei konnte sich der 64-jährige frühere Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts Mitt Romney mit acht Stimmen Vorsprung knapp gegen den früheren Senator von Pennsylvania Rick Santorum (53) durchsetzen. Romney erhielt 24,6 Prozent und Santorum 24,5 Prozent. Auf den Abgeordneten im Repräsentantenhaus Ron Paul (76) entfielen 21,4 Prozent, auf den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich (68) 13,3, auf den Gouverneur von Texas, Rick Perry (61) 10,3 und auf die Abgeordnete im Repräsentantenhaus Michele Bachmann (55) fünf Prozent. Andere, die nicht persönlich angetreten waren, erhielten 0,9 Prozent. Die Vorwahl in Iowa hat eine Signalwirkung, aber keine entscheidende Bedeutung für die Nominierung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Der drei Millionen Einwohner zählende und ländlich geprägte Bundesstaat im Mittelwesten entsendet nur 25 der 2.286 Delegierten, die auf dem republikanischen Parteitag Ende August in Tampa (Florida) den Herausforderer küren. Die nächsten Vorwahlen finden am 10. Januar in New Hampshire und am 21. Januar in Süd Carolina statt.

38 Prozent der Vorwähler sind „wiedergeboren“

Die Republikaner in Iowa geben freilich deutliche Hinweise auf das Wahlverhalten der weißen Evangelikalen. Bei einer Umfrage der größten Zeitung des Bundesstaates, Des Moines Register, bezeichneten sich 38 Prozent der Vorwahl-Beteiligten als „wiedergeborene“ Christen. Vor vier Jahren hatte der Baptistenpastor und frühere Gouverneur von Arkansas Mike Huckabee (56) die Vorwahl in Iowa mit 34 Prozent vor Romney (25) gewonnen. Schließlich wurde jedoch Senator John McCain (71) Obamas Herausforderer.

Wählen Evangelikale einen Mormonen?

Trotz seines knappen Sieges in Iowa hat Romney bei den Evangelikalen einen schweren Stand. Er ist ein Bischof der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen), die viele Evangelikale als nicht-christliche Sondergemeinschaft ansehen. Robert Jeffress, Hauptpastor einer 10.000 Mitglieder zählenden Baptistengemeinde in Dallas (Texas), appellierte im Oktober an Christen, Romney nicht zu wählen, weil Mormonen eine „Sekte“ seien. Andere führende Evangelikale halten Romney hingegen durchaus für wählbar. So wiegt für Richard Land (Washington), Präsident der Kommission für Ethik und Religionsfreiheit des Bundes der Südlichen Baptisten, seine politische Kompetenz schwerer als seine Religion. Der evangelikale Publizist und frühere Präsidentenberater Chuck Colson (Washington) ermahnte die Evangelikalen, ihre „kleinliche Kritik“ an Romneys Glauben einzustellen.

Santorum: Ehe nur für Mann und Frau

Im Blick auf ethische Positionen ist der Katholik Santorum der Favorit für viele Evangelikale. Besonders würdigen sie sein klares Eintreten gegen Abtreibung. Ferner verfolgt er das Ziel, dem Schutz der Ehe von Mann und Frau in der Bundesverfassung festzuschreiben. Ein Bundesgesetz, das 1996 unter Präsident Bill Clinton in Kraft trat, definiert zwar die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau, lässt aber unterschiedliche Regelungen in den Bundesstaaten zu. Sieben haben die „Homo-Ehe“ eingeführt. Santorum kann auch auf Unterstützung aus der Hausschulbewegung zählen. Seine Frau Karen hat einige ihrer sieben Kinder selbst unterrichtet, anstatt sie auf eine Schule zu schicken. Laut Richard Land stellt sich jedoch die Frage, ob Santorum im Unterschied zu Multimillionär Romney genügend Geld für den Präsidentschaftswahlkampf aufbringen kann.

Baptist Gingrich wurde katholisch

Der Arzt Ron Paul hat sich weniger als Lebensrechtler, sondern als Vertreter vergleichsweise liberaler ethischer Positionen hervorgetan, etwa in der Drogenpolitik. Außerdem ist er Verfechter einer isolationistischen Außenpolitik. Der frühere Baptist Newt Gingrich ist 2008 zur katholischen Kirche konvertiert. Bei theologisch Konservativen macht ihm die Tatsache zu schaffen, dass er zum dritten Mal verheiratet ist. In einem Schreiben hat er sich verpflichtet, seiner Ehefrau Callista treu zu bleiben. Auch er setzt sich dafür ein, dass die Ehe weiterhin allein als Gemeinschaft von Mann und Frau und nicht von gleichgeschlechtlichen Partnern verstanden wird.

Perry: Ich schäme mich des Glaubens nicht

Perry hat sich von allen Bewerbern am deutlichsten zum evangelikalen Glauben bekannt. Mit 27 Jahren habe er sich Jesus Christus zugewandt, und er schäme sich nicht, Christ zu sein, sagte er auf einer Veranstaltung, bei der 30.000 Christen für die USA beteten. Im Weißen Haus werde er „gegen liberale Angriffe auf unser religiöses Erbe“ kämpfen. Perry möchte auch die Möglichkeit, an staatlichen Schulen zu beten, von der Bundesverfassung geschützt sehen.

Bachmann am rechten Rand der Republikaner

Bachmann steht der konservativen Tea-Party-Bewegung nahe und wird zum rechten Flügel der Republikaner gezählt. Sie ist eine entschiedene Abtreibungsgegnerin und lehnt auch eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ab. Sie ist mit dem christlichen Therapeuten Marcus Bachmann verheiratet. Das Paar hat fünf eigene Kinder und 23 Pflegekinder.