15. Dezember 2017

Ägypten: Welche Zukunft haben die Christen?

Quelle: idea.de

Kairo - Foto: Katharina Wieland Müller/pixelio.de

Kairo - Foto: Katharina Wieland Müller/pixelio.de

Kairo (idea) – Vor einem Jahr erlebte der Volksaufstand in Ägypten mit Zehntausenden Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz seinen Höhepunkt. Er führte zum Rücktritt des seit 30 Jahren regierenden Alleinherrschers Hosni Mubarak. Inzwischen wird dem 83-Jährigen der Prozess gemacht. Die politischen Umwälzungen mündeten in Wahlen eines neuen Parlaments. Doch was bedeutet die Revolution für die Christen, die etwa zehn Prozent der 83 Millionen Einwohner des Landes am Nil stellen?

Hoffnungen auf mehr Religionsfreiheit haben vor allem durch den Wahlsieg islamischer Gruppierungen einen Dämpfer erhalten. Kirchenvertreter sind unsicher, ob die Lage für die christliche Minderheit besser wird als unter dem Mubarak-Regime. Manche befürchten sogar, dass Kopten und liberale Muslime die Koffer packen und das Land verlassen könnten, wenn radikal-islamische Kräfte die Oberhand im künftigen Machtgefüge gewinnen.

Christen im Parlament unterdurchschnittlich vertreten

Aus den Parlamentswahlen gingen die als gemäßigt geltenden Muslim-Bruderschaften mit 45,7 Prozent der Stimmen als Sieger hervor. Sie haben 228 der 498 gewählten Mandate im Parlament; hinzu kommen zehn vom regierenden Militärrat bestimmte Abgeordnete. Die radikal-islamischen Parteien, die auf 24,6 Prozent der Stimmen kamen, haben 123 Sitze. Liberale Parteien schnitten schlechter ab: Die Wafd-Partei erhielt 8,4 Prozent (42 Mandate), die Ägyptische Allianz 6,6 Prozent (33). Insgesamt sind 15 Parteien im Parlament vertreten. Zehn Abgeordnete gehören der christlichen Minderheit an; ihr Anteil im Parlament beträgt also etwa zwei Prozent, während sie rund zehn Prozent der Bevölkerung stellen.

Evangelischer Pfarrer: Alles im Fluss

Für Pfarrer Axel Matyba von der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Kairo ist die weitere politische und religiöse Entwicklung schwer vorauszusagen. Es handele sich um einen längeren offenen Prozess, in dem nach seiner Einschätzung der Umgang mit der sozialen Frage eine entscheidende Rolle spielen werde, sagte er am 25. Januar auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Die Muslim-Brüder hätten sich gerade in der praktischen Hilfe für arme und notleidende Menschen engagiert; deshalb könne ihr Wahlerfolg nicht überraschen. Jetzt komme es darauf an, welche Politik die künftige Regierung betreiben werde. Er wünsche sich, dass sich die Christen – insbesondere die koptisch-orthodoxe Kirche – in den gesellschaftlichen Wandel einbringen. Allgemein herrsche in der Bevölkerung eine große Unsicherheit, wie es weitergehe. Grundsätzlich sei es noch zu früh, die Frage zu beantworten, ob sich die Lage für die Christen im Vergleich zur Mubarak-Ära verbessern oder verschlechtern werde. Es habe auch noch in jüngster Zeit Gewalt und Anschläge muslimischer Extremisten auf Christen gegeben. Von manchen Kopten und auch liberalen Muslimen habe er gehört, dass sie eine Auswanderung in Erwägung zögen.

Weltweite Evangelische Allianz ruft zur Fürbitte auf

Der Bischof der rund 6.000 koptisch-orthodoxen Christen in Deutschland, Anba Damian (Höxter), befürchtet eine Auswanderungswelle. Evangelikale Ägyptenkenner, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben wollen, beobachten ebenfalls eine große Unsicherheit unter der christlichen Minderheit. Eine islamische Staatsordnung würde nach ihrer Einschätzung zur Einschränkung der Rechte von Nicht-Muslimen führen. Es sei schwer zu beurteilen, ob die Lage für Christen besser oder schlechter sei als unter Mubarak. Zwar lasse der Druck der Staatssicherheit nach, aber andererseits sinke auch die allgemeine Sicherheit für Christen. Es gelte, umsichtig zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass Gott weiterhin viele Möglichkeiten bereithalte, den Glauben an Christus zu bezeugen. Die Weltweite Evangelische Allianz hat die von ihr repräsentierten rund 600 Millionen Christen zur Fürbitte für Ägypten aufgerufen. Wichtig sei die Frage, ob die islamischen Parteien zur Zusammenarbeit mit anderen im Parlament bereit seien und ob das Militär seine Regierungsmacht friedlich aus der Hand gebe. Wie die Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (Wiesbaden) idea mitteilte, können ihre Einrichtungen in Oberägypten, etwa das seit über 100 Jahren bestehende Krankenhaus in Assuan, weiterhin ungehindert arbeiten.

Menschenrechtsorganisationen: Christen sind tief verunsichert

Nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen sind die Christen in Ägypten tief verunsichert. „Viele junge Kopten, die sich für den Sturz des Mubarak-Regimes eingesetzt haben, verfolgen den Wahlsieg der Muslim-Bruderschaft und der Salafisten mit großer Sorge“, erklärte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. Ihr Afrikareferent Ulrich Delius befürchtet, „dass der Exodus von Christen aus Ägypten sich weiter verstärken wird“. Die GfbV appelliert an die deutsche Bundesregierung, sich beim regierenden Militärrat und bei den führenden politischen Parteien Ägyptens für einen besseren Schutz der religiösen Minderheit einzusetzen. Viele Kopten sind laut Delius enttäuscht, dass auch unter dem Militärrat Verbrechen an Christen nicht von der Justiz geahndet würden. So warte man bis heute auf eine glaubwürdige Aufarbeitung und Bestrafung der Verantwortlichen des Bombenanschlags auf die koptische Kathedrale von Alexandria in der Silvesternacht 2010, bei dem mindestens 21 Menschen ums Leben kamen. Auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mit Sitz in Frankfurt am Main sorgt sich um die wachsende Diskriminierung der koptischen Minderheit. Im vergangenen Jahr hätten sie verstärkt Angriffe auf ihre Kirchen erlebt. Dass die Untersuchungen dieser Vorfälle oft nur mit großer Verzögerung stattfänden, lasse die Kopten noch immer daran zweifeln, ob sie tatsächlich als vollwertige Staatsbürger Ägyptens gälten.