21. September 2017

Anschläge in Norwegen: Ein frommer Christ ist der Täter nicht

Quelle: idea.de

Foto: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de

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Oslo (idea) – Nach dem ersten Schock über die Anschläge vom 22. Juli in Norwegen rätselt die Welt, was den mutmaßlichen Attentäter dazu getrieben hat, ein solches Blutbad anzurichten. Mindestens 92 Todesopfer haben der Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel und das anschließende Massaker in einem Freizeitlager der norwegischen Jungsozialisten auf der nahe gelegenen Insel Utoya gefordert; die Polizei spricht von bis zu 98 Toten.

Am 23. Juli finden in ganz Norwegen und vielen anderen Ländern Gedenk- und Fürbittgottesdienste statt. Der festgenommene Tatverdächtige, der 32-jährige Norweger Anders Behring Breivik, hat nach Angaben seines Verteidigers den Sachverhalt eingestanden. Die Taten seien „schrecklich, aber notwendig“ gewesen. Die Polizei ist nicht sicher, ob er allein für beide Bluttaten verantwortlich ist; sie sucht nach einem weiteren Verdächtigen.

„Fundamentalistischer Christ“?

Als Mitglied eines Osloer Schützenvereins besaß Breivik die behördliche Genehmigung, zwei Waffen zu führen. Zur Herstellung des Sprengstoffs ließ er sich rund sechs Tonnen Kunstdünger auf seine „Geofarm“ in Skoyen bei Oslo liefern, wo er Gemüse und Früchte anbaute. Breivik wurde in ersten Berichten als unter anderem als „fundamentalistischer Christ“ charakterisiert, aber seine Interneteinträge offenbaren ein wirres Gemisch fremdenfeindlicher, nationalistischer, gewaltverherrlichender, religiöser und philosophischer Einstellungen. Der evangelikal-pietistischen Frömmigkeit ist er nicht zuzuordnen.

Evangelische Kirche ist ein „Witz“

Wie aus seinen teilweise inzwischen geschlossenen Internet-Einträgen hervorgeht, wurde Breivik im Alter von 15 Jahren evangelisch getauft und nicht als Säugling, wie im lutherisch geprägten Norwegen üblich. In jüngster Zeit wandte er sich vom Protestantismus ab: Die evangelische Kirche sei ein „Witz“, schrieb er – mit Geistlichen in Jeans, die für Palästina auf die Straße gingen, und Kirchen, die wie umfunktionierte Einkaufszentren aussehen. Er unterstütze einen kollektiven Übertritt zum Katholizismus. Breivik gehörte Presseberichten zufolge wohl auch einer Freimaurerloge an.

Marxistische Einstellungen akzeptabel

Sein Hass und seine Kritik richten sich vor allem gegen Muslime und Kommunisten sowie eine multikulturelle Gesellschaft. Hingegen verharmloste er die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Islamismus habe in der Geschichte rund 300 Millionen Tote hinterlassen, der Kommunismus 100 Millionen und der Nationalsozialismus sechs bis 20 Millionen. Alle Hass-Ideologien sollten gleich behandelt werden. Marxistische Einstellungen seien in Schweden und Norwegen akzeptabel geworden, während Patriotismus und konservative kulturelle Werte als extrem gälten.

„Rassenkrieg“ angedroht

Nach Angaben von „Welt Online“ hat Breivik ein rund 1.500 Seiten starkes Pamphlet in englischer Sprache ins Internet gestellt, in dem ein „Rassenkrieg“ angedroht werde, um Europa von Marxisten und Zuwanderern zu befreien. In dem Dokument „2028 – Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung“ werde eine bewaffnete Revolution propagiert. Nur sie könne die Europäer retten. Zu diesem Zweck müssten militärische Zellen nach dem Vorbild der „Tempelritter“ gebildet werden. Der Kulturkampf werde voraussichtlich 45.000 Multikulturalisten und Marxisten das Leben kosten.

Kriegsspiele und Philosophie

Breivik beschäftigte sich ferner aktiv mit Computer-Kriegsspielen. Zu seinen philosophischen und literarischen Vorbildern gehörten Immanuel Kant (1724-1804) und Franz Kafka (1883-1924). Ferner zitierte er einen Ausspruch des englischen Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill (1806-1873): „Ein einziger Mann mit einem festen Glauben wiegt mehr als 100.000 andere, die nur Interessen haben.“ Freilich wollte der liberale Denker Mills damit die Freiheit Andersdenkender schützen. Von den 4,9 Millionen Einwohnern Norwegens gehören 82 Prozent zur lutherischen Staatskirche. Angehörige evangelischer Freikirchen machen 3,7 Prozent aus. Ferner gibt es 1,1 Prozent Katholiken, 1,6 Prozent Muslime und kleinere Gruppen anderer Religionen. Der Rest sind Konfessionslose.

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