20. September 2017

Streitgespräch: Was heißt bibeltreu?

Quelle: idea.de

Foto: kairospress

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Wetzlar (idea) – Die Bibel steht im Zentrum des kirchlichen und christlichen Lebens. Aber wie ist sie auszulegen? Darüber haben Theologen zu allen Zeiten unterschiedliche Ansichten vertreten. Einige Fragen lauten: Sind alle Worte der Bibel Gottes Wort? Enthält die Bibel Fehler? Was hat heute noch Gültigkeit und was nicht? Zu einem Streitgespräch über diese Themen hat die Evangelische Nachrichtenagentur idea zwei evangelikale Theologen zusammengebracht: Michael Kotsch (Lemgo), Vorsitzender des Bibelbundes, und Andreas Malessa (Hochdorf bei Stuttgart), evangelisch-freikirchlicher Pastor und Publizist.

Für Kotsch ist die Bibel Gottes inspiriertes, irrtumsloses Wort. Ihre Autoren hätten nicht nur ihre eigenen religiösen Gedanken festgehalten, sondern einen Auftrag von Gott gehabt. „Die Bibel ist die Überlieferung dessen, was Gott als für uns entscheidend erachtet hat“, so der an der Bibelschule Brake (Lemgo) und der Evangelikalen Akademie (Wien) lehrende Theologe. Selbst bei schwer verständlichen Stellen im Alten Testament wie einem Aufruf zum Völkermord oder der Versklavung von Besiegten vertraue er Gott, „dass er richtig entschieden hat. Es steht mir nicht zu, Gott als ungerecht zu verurteilen.“ Bibelteile, die nicht zum heutigen Denken passten, dürften nicht relativiert oder weggelassen werden. Doch man dürfe auch nicht alle Befehle Gottes für das Volk Israel als Anweisungen für Christen begreifen: „Wenn Gott Abraham auffordert: ‚Geh fort aus deinem Heimatland, in das Land, das ich dir zeigen werde’, kann ich das auch nicht einfach auf mich übertragen.“ Laut Kotsch sollte die Bibel so verstanden werden, „wie sie verstanden werden will“, nämlich als Liebesbrief Gottes. Christen könnten Jesus nur ernst nehmen, wenn sie ernst nähmen, „was Gott mir in der Bibel mitgeteilt hat“.

Malessa: Bibel ist kein „papierner Papst“

Hingegen hält Malessa den Begriff „unfehlbar“ für die Bibel für ungeeignet. Sie sei kein „papierner Papst“ als ein in sich schlüssiges Gesetzbuch, sondern bestehe aus 66 Büchern und Briefen aus etwa 1.200 Jahren und sei von Autoren unterschiedlichster Kulturen geschrieben. „Gott ist unfehlbar – die Menschen, denen er sein Wort anvertraut hat, müssen es nicht sein“, sagte der Baptist. Im Umgang mit der Bibel müsse man einen Weg zwischen Beliebigkeit und Prinzipienreiterei finden. Ziel der biblischen Botschaft sei es, Menschen zur Nachfolge Jesu Christi einzuladen. Auch die Bezeichnung „bibeltreu“ für Menschen, die die Heilige Schrift besonders ernst nehmen, lehnt der Rundfunkjournalist ab, weil es den Glauben anderer Christen benote. Bei jährlich etwa 100 Veranstaltungen begegneten ihm einerseits immer wieder „einzelne äußerst Bibelkundige“, die genau wüssten, „wann der Herr wiederkommt“. Andererseits stelle er fest, dass die Bibelkenntnis dramatisch abgenommen habe, auch unter Evangelikalen. Bibelkenntnis bestehe „oft nur aus einer fröhlichen Mischung von Psalmtexten, Kalendersprüchen und Liedversfetzen“. So wie man die Bibel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „vor ihren eiskalten Verächtern“ in Schutz nehmen musste, müsse man sie heute „manchmal vor ihren glühenden Verehrern schützen“. Es gelte, den Menschen Freude am Bibellesen zu machen. Das Streitgespräch bringt das Wochenmagazin ideaSpektrum in der Ausgabe 24/2011 vom 16. Juni.