23. September 2017

Käßmann: Ehe ist erstrebenswerte Lebensform

Quelle: idea.de

Margot Käßmann: Es muss auch Formen geben für Menschen, bei denen Ehe gescheitert ist. Foto: idea/kairospress

Margot Käßmann: Es muss auch Formen geben für Menschen, bei denen Ehe gescheitert ist. Foto: idea/kairospress

Dresden (idea) – Die Ehe ist eine erstrebenswerte Lebensform. Es muss aber auch Formen verantwortlich gelebter Sexualität geben für Menschen, bei denen die Ehe gescheitert ist.
 

Diese Ansicht vertrat die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann (Berlin) am 4. Juni beim Evangelischen Kirchentag in Dresden. Kriterien für eine verantwortlich gelebte Sexualität seien „Verlässlichkeit und Dauer“. Wechselnde Partnerschaften hingegen seien verantwortungslos. In der Bibel fänden sich viele sehr positive Aussagen zur Sexualität, etwa im Hohelied der Liebe im Alten Testament. Allerdings werde Sexualität selten mit Bibel und christlichem Glauben in Zusammenhang gebracht, so Käßmann. „Das Heilige Buch und das niedrige Geschlechtsleben scheint für viele nicht zusammen zu passen.“

Argumentation mit Bibelversen reicht nicht

Zugleich warnte die Theologin vor einem unreflektierten Bibelverständnis: „Es reicht nicht, mit Bibelversen zu argumentieren.“ Die Bibel sei das von Menschen in ihrer Zeit und Kultur reflektierte Wort Gottes und müsse neu in einen Dialog gebracht werden. „Christliche Ethik fragt nach Kriterien, wie heute verantwortlich gelebt werden kann.“ Sexuelle Freiheit ohne Verantwortung für den anderen sei lieblos. Promiskuität, Pornografie, Gewalt und Prostitution hätten mit evangelischer Ethik nichts zu tun. Religionen hätten gemeinsam auf die Gefahr hinzuweisen, dass Liebe zunehmend von Sexualität abgetrennt werde. Käßmann kritisierte, dass die Diskussionen um verantwortlich gelebte Sexualität in evangelischen Kreisen zu schnell beim Thema Homosexualität endeten. Dabei seien vor allem Pädophilie und der Missbrauch von Kindern in den Kirchen zu lange ignoriert worden. In ihren fast elf Jahren als Bischöfin habe sie mehr heterosexuelle Partnerschaften in der Krise erlebt als homosexuelle, erklärte Käßmann.

Islam braucht Diskurs über Homosexualität

Die Islamwissenschaftlerin und Pädagogin Rabeya Müller (Köln) sagte, aus Sicht des Korans könne sie eine Ausgrenzung oder Strafverfolgung Homosexueller nicht nachvollziehen. Zum Thema Homosexualität fehle im Islam ein Diskurs. „Ich würde einmal die These aufstellen, dass aus islamischer Sicht die Dinge nicht so eindeutig sind, wie es unsere Konservativen gerne hätten“, so Müller. Gott habe die Liebe des Menschen zu seinem Mitgeschöpf in ihn hineingelegt, dazu gehörten auch Lust und Leidenschaft. Müller: „Frauen und Männer haben ein Anrecht auf ein befriedigendes Sexualleben.“ Auch Müller betonte, dass zur Sexualität die Verantwortung für den geliebten Menschen gehöre. Dazu sei aber nicht unbedingt ein Trauschein erforderlich. Nach islamischem Verständnis sei die Ehe kein Sakrament, sondern ein Vertrag zwischen zwei Personen.

Weitere Meldungen zum Kirchentag