20. Oktober 2017

Japan im Unglück: Mehr Interesse am christlichen Glauben

Quelle: idea.de

Foto: Gerd Altmann  / pixelio.de

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Tokio (idea) – In Deutschland wird gegenwärtig vor allem über die Abschaltung der Atommeiler diskutiert. Über Japan wird kaum noch gesprochen, obwohl die Folgen des stärksten je gemessenen Erdbebens (Stärke 9.0) am 11. März, des anschließenden Tsunamis mit einer bis zu 30 Meter hohen Flutwelle und der Nuklearkatastrophe von Fukushima noch längst nicht ausgestanden sind. Und wie wirkt sich die Mehrfachkatastrophe auf die geistliche Lage im Land aus?

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat bei deutschen und internationalen Hilfswerken nachgefragt. Schätzungsweise 25.000 Menschen sind ums Leben gekommen. 15.247 Leichen wurden nach Behördenangaben bisher geborgen, 8.593 Menschen werden noch vermisst, 106.699 Gebäude wurden teilweise völlig zerstört. Um das Atomkraftwerk Fukushima wurde eine 30-Kilometer-Zone evakuiert, nachdem es dort im Reaktor 1 zur Kernschmelze gekommen ist und die Betreibergesellschaft Tepco inzwischen davon ausgeht, dass auch in den beiden anderen Reaktoren der größte Teil der Brennstäbe „sehr wahrscheinlich“ geschmolzen ist.

50 neue Gemeinden im Krisengebiet geplant

Vor allem US-amerikanische Missionsexperten beobachten, dass das Interesse am christlichen Glauben in der japanischen Bevölkerung gewachsen ist. Deutsche Fachleute sprechen etwas zurückhaltender von „erfreulichen Einzelfällen“. 1,6 Prozent der 127 Millionen Japaner sind Christen, 83 Prozent Schintoisten. Der Präsident des in Japan tätigen Hilfswerks Asian Access (Asiatischer Zugang), Joe Handley (Fukushima), sagte dem Informationsdienst Mission Network News (Grand Rapids/US-Bundesstaat Michigan), vor allem die einheimischen Christen hätten sich stark für die notleidenden Menschen engagiert: „Es ist unglaublich, wie viel Liebe die japanischen Kirchen mobilisiert haben, um die Menschen zu erreichen und ihnen beim Aufräumen zu helfen.“ Ein Gemeindebund habe den Wunsch geäußert, in der Präfektur Iwate im Nordosten der Hauptinsel Honschu 50 Gemeinden zu gründen. Eine andere Gruppierung wolle vor allem in jenen Hafen- und Küstenstädten christliche Gemeinschaften aufbauen, in denen es bisher keine gibt. Die gesteigerte Missionsbereitschaft sei eine Folge der Zusammenarbeit bei den Hilfsaktionen über Konfessionsgrenzen hinweg. Unmittelbar nach dem Erdbeben hat nach Handleys Worten eine geistliche Erneuerung eingesetzt. Zuvor sei es Tabu gewesen, über geistliche Dinge – auch die Bibel – zu sprechen. Doch immer mehr Einwohner fragten nun vor allem die einheimischen Christen nach den Gründen für ihre Hilfe.

DMG-Missionar: Buddhistischer Priester will Pfarrer werden

Diese Beobachtungen bestätigt der für die Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG/Sinsheim bei Heidelberg) tätige Japan-Missionar Martin Heißwolf. Er war nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima mit seiner Familie zunächst nach Deutschland ausgeflogen worden, kehrte aber kürzlich nach Yokohama zurück. „Viele Menschen sind tatsächlich offener für den christlichen Glauben“, sagte Heißwolf gegenüber idea. Von Deutschland aus hatte er die deutschsprachige Internetseite www.crashjapan.de betreut. CRASH ist ein Zusammenschluss christlicher Hilfsorganisationen, die sich für Japan und andere Krisenherde engagieren. Heißwolf verweist auf einen Bericht im Internet. Christen hatten einen buddhistischen Tempel in Onagawa im Norden des Landes aufgesucht, um die rund 100 Menschen zu unterstützen, die dort vorübergehend untergekommen waren. Die Ehefrau des Priesters war von der Hilfe der Christen so beeindruckt, dass sie einräumte: „Vielleicht sollte ich meine Bibel hervorholen und wieder anfangen darin zu lesen.“ Ihr Ehemann frage sich, ob er Pfarrer werden solle. Wie Heißwolf ferner sagte, habe die abgestimmte Nothilfe christlicher Organisationen zu einem neuen Zusammenhalt unter den japanischen Gemeindeverbänden geführt: „Früher hat es viel Streit und Uneinigkeit gegeben.“ Die neue Einheit werde wahrgenommen und führe zu einem verstärkten Interesse am christlichen Glauben.

Kein Interesse am Aufenthalt in Deutschland

Zurückhaltender ist die Stiftung Marburger Mission, die mit sechs Familien und Einzelpersonen in Japan aktiv ist. „Auch unsere Mitarbeiter haben gemerkt, dass man nun etwas einfacher mit den Japanern über den christlichen Glauben ins Gespräch kommen kann“, meint Helga Adelhardt (Marburg) von der Öffentlichkeitsarbeit. Ursprünglich hatte die Mission versucht, Japanern durch einen Aufenthalt in Deutschland zu helfen. Doch dieses Angebot sei nicht angenommen worden. Einige Wochen lang habe man in der Geschäftsstelle in Kobe einige Jugendliche betreut, doch sie seien alle in ihre Heimatorte zurückgekehrt oder hätten bei Verwandten eine Bleibe gefunden.

ÜMG: Neues Team vor dem Start

Die Überseeische Missionsgemeinschaft (ÜMG) organisiert ihre Japan-Arbeit neu. Sie ist mit 120 internationalen Missionaren, darunter zehn Deutschen, im Land tätig. Mit den erfahrensten Japan-Missionaren soll in der Präfektur Iwate entlang der Küste ein neues Team aufgebaut werden. „Wir gehen damit in eine Region, in der bisher keine Missionswerke gearbeitet haben“, sagte Missionsleiter Hans Walter Ritter (Mücke bei Gießen) gegenüber idea. Von anderen Missionsfeldern würden Mitarbeiter abgezogen. Laut ÜMG-Feldleiter Wolfgang Langhans (Tokio) ist dieses Projekt zunächst für zwei Jahre geplant. Statt Gemeinden zu gründen, wolle man mit den einheimischen zusammenarbeiten. Man wolle sich auch um die vielen Waisenkinder kümmern, die durch die Katastrophen ihre Eltern verloren haben.

Neues Leben im Freizeitheim

Die Liebenzeller Mission hat 50 Angehörige einer christlichen Gemeinde aus Fukushima, deren Gemeindehaus sich nur vier Kilometer von dem havarierten Kernkraftwerk entfernt befindet, in ihrem Freizeitheim in Okutama bei Tokio aufgenommen. Mindestens bis zum Jahresende werde die Gemeinde dort bleiben, sagte Pressesprecher Christoph Kiess. Die Gemeindemitglieder stammen aus allen Altersgruppen, von einer 90-Jährigen bis zum Kleinkind. Ferner ist derzeit ein Team mit zehn Freiwilligen aus Deutschland in der Krisenregion. Kiess: „Sie räumen den Schlick aus den Häusern, die nicht völlig zerstört wurden.“ Zwei weitere Teams sollen in Kürze folgen.

20.000 Bibeln für das Krisengebiet

Unterdessen hat die Japanische Bibelgesellschaft in Sendai nicht nur Hilfsgüter weitergegeben, sondern auch Bibeln. Insgesamt sollen je 10.000 Kinderbibeln und Bibeln für Erwachsene neue Besitzer finden. Auch beim Wiederaufbau zerstörter Kirche will sich die Bibelgesellschaft engagieren.

Allianz-Mission: Kreuz aus dem Schutt hervorgezogen

Die freikirchliche Allianz-Mission (Dietzhölztal/Mittelhessen) ist mit 15 Missionaren und sieben Kurzeitmissionaren in Japan tätig. Sie hat ein Ehepaar zu einem Erkundungs- und Hilfseinsatz ins Katastrophengebiet entsandt. Matthias und Danielle Krammel hätten schon mehrere Jahre in Japan gelebt und seien mit Sprache und Kultur vertraut. Sie wollten in der Millionenmetropole Sendai mitten im Katastrophengebiet Kontakte zu anderen Hilfsorganisationen herstellen. Zahlreiche einheimische Christen aus den 35 Freien evangelischen Gemeinden in Japan hätten bereits an mehrtägigen Hilfseinsätzen teilgenommen, teilte die Mission mit: „Sie helfen bei der Verteilung von Hilfsgütern, beim Wegräumen der riesigen Schutt- und Abfallberge, reinigen Häuser und kümmern sich um traumatisierte Menschen.“ Missionsleiter Erhard Michel hat sich im April selber einen Eindruck von der Lage gemacht. Das Ausmaß der Zerstörungen sei „einfach unfassbar“. Er besuchte auch eine zerstörte Kirche. Michel: „Gemeindemitglieder haben das Kreuz aus dem Schutt und Schlamm hervorgezogen und wieder aufgerichtet. Auf einer Holztafel stehen in japanischen Schriftzeichen die Worte: ‚Wir glauben an eine Erweckung für diesen Ort.’“