23. Oktober 2017

Evangelischer Kirchentag: Politik ist nicht alles

Quelle: ead.de

Dresden (idea) – Politprominenz jeglicher Couleur wird sich wieder beim Deutschen Evangelischen Kirchentag ein Stelldichein geben – von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bis zu Gregor Gysi von der Linkspartei. Doch Politik ist nicht alles beim Protestantentreffen, zu dem vom 1. bis 5. Juni in Dresden rund 110.000 Dauerteilnehmer erwartet werden. Welchen Platz hat der Glaube? Verantwortliche des Kirchentags, der sächsischen Kirchenleitung und aus der evangelikalen Bewegung erwarten, dass in einer weitgehend kirchenfernen Umgebung die Bedeutung des christlichen Glaubens herausgestellt wird. Als Kirchentagspräsidentin amtiert eine Spitzenpolitikerin der Grünen: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt.

Sie rechnet damit, dass die Veranstaltung gerade bei solchen Menschen Neugierde weckt, die mit dem Glauben bislang nichts zu tun haben. Eine „Missionierung“ lehnt sie jedoch ab. Es würden keine Passanten angesprochen, um im Stil von Zeitungswerbern auf einen Kirchenbeitritt zu drängen, sagte sie der „Sächsischen Zeitung“. Ihrer Ansicht nach wird sich die Leidenschaft der Christen für ihren Glauben auf die Bevölkerung übertragen. Göring-Eckardt steht auch als Präses der EKD-Synode vor. Der Bischof der gastgebenden sächsischen Landeskirche, Jochen Bohl (Dresden), sieht den Kirchentag als „Zeitansage und Einladung zum Glauben“. Im Mittelpunkt stehe eine Rückbesinnung auf dauerhafte Werte: Nicht Geld solle die Welt regieren, sondern Gerechtigkeit, Frieden und Barmherzigkeit. Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Marktforschung in Leipzig für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ glauben nur 33 Prozent der Bevölkerung Sachsens an Gott. Etwa jeder Zweite im Freistaat lehnt Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden ab. Von den 4,1 Millionen Sachsen gehören 20 Prozent zur evangelischen und vier Prozent zur katholischen Kirche.

Pietismus: Christen mitten in der Gesellschaft

Der Vorsitzende des pietistischen Sächsischen Gemeinschaftsverbands, Prof. Johannes Berthold (Moritzburg), hofft, dass der Kirchentag den Zusammenhang von Glauben und Weltverantwortung herausstellen kann. Es könne deutlich werden, „dass Christen mitten in der Gesellschaft stehen und von der Mitte ihres Glaubens her mitreden und mitgestalten“, sagte er der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Aufgabe der täglichen Bibelarbeiten sei es, Gottes Wort in die Gegenwart hineinsprechen zu lassen. Gottesdienste und andere geistliche Angebote zeigten die Vielfalt theologischer Profile und den Reichtum geistlichen Lebens. Als „Massenereignis“ könne der Kirchentag auch das „Wir-Gefühl“ von Christen stärken. Für ein Problem hält Berthold die Berichterstattung der Medien. In der Regel konzentrierten sie sich auf Auftritte prominenter Politiker. Wenn aber der Glaube nicht in den Mittelpunkt gestellt werde, entstehe der Eindruck, dass sich die Kirche nicht wesentlich von anderen gesellschaftlichen Organisationen unterscheide.

Rüß: Ein klares bibeltreues Christuszeugnis ist notwendig

Der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), vergleicht das Kirchentagsprogramm mit rund 2.300 Einzelveranstaltungen mit einem Warenhauskatalog, aus dem sich jeder sein eigenes Programm zusammenstellen werde. Bibel- und bekenntnistreue Christen kämen dabei ebenso auf ihre Kosten wie Zeitgenossen, die Bibel und Bekenntnis dem gegenwärtigen Meinungsstrom und Zeitgeist unterstellten. Die Bedeutung eines Kirchentags bestehe aus seiner Sicht nicht darin, Irrlehre und biblisches Glaubenszeugnis gleichberechtigt nebeneinander gelten zu lassen, sondern in einer Zeit von zunehmender Gottesferne und religiösem Individualismus ein klares bibeltreues Christuszeugnis zu geben. Menschen brauchten „in Bindung an Bibel und Bekenntnis“ Antworten auf elementare Lebensfragen, eine Hinführung zum Glauben an Jesus Christus und eine Stärkung in diesem Glauben. Gerade darin liege für den Kirchentag die missionarische Herausforderung, sagte Rüß gegenüber idea.

Steeb: Recht auf Leben gehört an die Spitze

Die Deutsche Evangelische Allianz hofft, dass die zentrale Botschaft des Evangeliums nicht im weiten Spektrum der Zivilgesellschaft, wie sie sich beim Kirchentag präsentiere, untergeht. Laut Generalsekretär Hartmut Steeb (Stuttgart) wird bei vielen Programmpunkten deutlich, „dass der lebendige Gott uns in Jesus Christus nahe ist, aber auch der Herr unseres Lebens sein will“. Dies komme auch bei den von der Allianz betreuten Ständen auf dem „Markt der Möglichkeiten“ zum Ausdruck. Die „Micha-Initiative“ zeige, wie sich Evangelikale für die Ärmsten der Armen einsetzten, und das Treffen Christlicher Lebensrecht-Gruppen werbe zusammen mit anderen Lebensschutzgruppen für das uneingeschränkte Lebensrecht aller Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Das Recht auf Leben als dem wichtigsten aller Menschenrechte sollte. Steeb zufolge den Spitzenplatz beim gesellschaftlichen Engagement von Christen einnehmen.