19. September 2017

Wie verändert sich der Nahe Osten?

Quelle: idea.de

THEMA DES TAGES: AUFSTAND IN TUNESIEN

Tunis/Amman (idea) – Der Volksaufstand in Tunesien, der zum Sturz der bisherigen Regierung geführt hat, könnte in Nordafrika und anderen islamischen Ländern Kreise ziehen. Für die christlichen Minderheiten lauern darin Gefahren oder auch Chancen. Zum einen wäre es möglich, dass ein Erstarken radikal-islamischer Kräfte die Religionsfreiheit noch weiter einengt. Zum anderen führen unsichere und politisch instabile Zeiten oft zu einem größeren geistlichen Verlangen und mehr Aufgeschlossenheit für das Evangelium.

Diese Ansicht äußerten evangelikale Missionsexperten gegenüber idea. Auch in Ländern wie Algerien, Ägypten, Syrien und dem Iran gibt es ähnlich starke soziale und wirtschaftliche Probleme sowie damit ein Umsturzpotential wie in Tunesien. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach Bibeln, erklärte der Direktor des jordanischen Missionswerks Manara, Isam Ghatta (Amman). Er beobachtet eine große Sehnsucht nach Lebenssinn in den Herzen vieler Araber. Das Internet und das Satelliten-Fernsehen öffneten vielen die Augen für das Evangelium. Es gebe aber nicht genügend christliche Mitarbeiter zur Verbreitung der christlichen Botschaft. Seit 2006 sind in dem Manara-Buchladen in Amman mehr als 150.000 Bibeln und andere christliche Bücher über den Ladentisch gegangen.

Keine kurzfristige Verbesserungen für Christen in Tunesien

In Tunesien selbst ist unklar, wie sich der Umsturz auf die winzige christliche Minderheit auswirken wird. Kurzfristige positive Veränderungen seien nicht zu erwarten, so Todd Nettleton von der Organisation „Voice of the Martyrs“ (Bartlesville/US-Bundesstaat Oklahoma), die mit der deutschen „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ (Uhldingen/Bodensee) verbunden ist. Auch ein neues Parlament werde keine Gesetze verabschieden, die kritisch zum Islam stehen, so Nettleton. Ausländische Christen würden bereits stärker überwacht. Bisher ist die christliche Minderheit freilich von den Unruhen wenig berührt. Doch die Frage ist: Werden im Zuge des Demokratisierungsprozesses radikale islamische Kräfte an Macht gewinnen und die Religionsfreiheit einschränken? Der im Londoner Exil lebende Anführer der extremistischen Bewegung Al Nahda (Wiedergeburt), Raschid Ghannouchi, hat bereits angekündigt, nach Tunesien zurückzukehren. Sein Land brauche noch eine „zweite Revolution“.

Verschlossen für geistlichen Aufbruch

Bisher konnten die wenigen Christen in dem nordafrikanischen Land im Vergleich zu ihren Glaubensgeschwistern in den Nachbarländern Algerien und Marokko ihren Glauben relativ unbehelligt ausüben. Unter den rund zehn Millionen Einwohnern Tunesiens, die zu mindestens 98 Prozent Muslime sind, leben einige Hundert einheimische und ausländische Christen. Das Land war jedoch für einen geistlichen Aufbruch recht verschlossen. Erst seit etwa zehn Jahren habe sich dies geändert, so Missionsexperten. In der Hauptstadt Tunis besteht eine reformierte Gemeinde, in der sich Ausländer versammeln. Aus Deutschland gibt es wenige Verbindungen zu tunesischen Christen. Die Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (EMO) mit Sitz in Wiesbaden unterhält Kontakt zu einer christlichen Grundschule in Tunis.

El Kaida: Kampf gegen „Kreuzzügler und Juden“

Der Volksaufstand gegen Korruption und steigende Arbeitslosigkeit war am 17. Dezember mit der Selbstverbrennung des arbeitslosen 26-jährigen Computerexperten Mohammed Bouazizi-an ausgelöst worden, der am 4. Januar seinen Verletzungen erlag. Es folgten Proteste gegen die Regierung und Unruhen. In Mauretanien, Algerien und Ägypten gab es ähnliche Selbstverbrennungsversuche. Der seit 1987 autoritär regierende tunesische Staatspräsident Zine al-Abidine Ben Ali (74) musste am 14. Januar das Land verlassen; Unterschlupf fand er in Saudi-Arabien. Vorübergehend steht an der Spitze des Staates der bisherige Parlamentspräsident Fouad Mebazaa (77). Die Übergangsregierung unter Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi (69) kommt bereits wieder unter Druck. Teilen der Bevölkerung geht der Umbau nicht weit genug. Vier Minister aus Kreisen der Opposition traten schon wieder zurück. Binnen sechs Monaten soll ein neues Parlament gewählt werden. Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi kritisierte den Aufstand: Die Tunesier erlebten Blutvergießen und Gesetzlosigkeit. Unterstützung für die Proteste kam vom Leiter des tunesischen Zweigs des Terrornetzwerks El Kaida, Abu Nusab Abdul Wadud. Dem US-Nachrichtensender CNN zufolge bezeichnete er im Internet die Zusammenstöße als „Teil des Kampfes gegen Tyrannei, Kreuzzügler und Juden“. Mit Kreuzzüglern sind Christen gemeint.

Tunesien galt bisher als religiös tolerant

In Tunesien ist der Islam Staatsreligion. Christliche Mission ist verboten. Die Verfassung sieht jedoch die freie Religionsausübung vor, solange die öffentliche Ordnung nicht gestört wird. Bisher galt das Land als vergleichsweise tolerant. Auf der Ferieninsel Djerba lebten Muslime und Juden friedlich zusammen, bis am 11. April 2002 ein Selbstmordattentäter einen mit Gasflaschen beladenen Lastwagen vor der Synagoge explodieren ließ. Dabei kamen 19 Menschen um Leben, darunter 14 deutsche Urlauber.

Wiege des Christentums – bis der Islam kam

Nordafrika zählt zu den Wiegen des Christentums. Zahlreiche Kirchenväter hatten dort ihr Zuhause, unter anderem Tertullian (150-225), Cyprian (200-258) und Augustinus (354-430). Das änderte sich mit dem Vormarsch des Islam in 7. Jahrhundert. Innerhalb von fünf Jahren wurden die nordafrikanischen Kirchen vernichtet. Heute geraten Christen vor allem in Algerien und Marokko unter Druck. Wegen des Feierns von „nicht genehmigten nicht-muslimischen Gottesdiensten“ wurden im vorigen Jahr vier protestantische Gemeindeleiter in Algerien angeklagt. Sie gehören zur staatlich anerkannten Protestantischen Kirche, die etwa 30.000 Mitglieder hat. Ferner gibt es in Algerien etwa 2.000 Katholiken. 99 Prozent der 32,4 Millionen Einwohner sind Muslime. Vor allem unter Berbern nimmt die Zahl der Christen zu.

Marokko: Ausländische Christen ausgewiesen

Das gilt auch für Marokko. Dort wächst die Sorge, dass die Regierung stärker gegen die christliche Minderheit vorgeht. Im März 2010 wurden 70 ausländische Christen ausgewiesen, die als Entwicklungshelfer tätig waren. Ihnen wird unterstellt, dass sie Muslime zum Übertritt zum Christentum bewegen wollen. Das ist in Marokko verboten, wo nach der Verfassung Religionsfreiheit besteht. Von den rund 32 Millionen Einwohnern sind nach offiziellen Angaben 99 Prozent Muslime. Christen und Juden bilden kleine Minderheiten.