19. Oktober 2017

Für eine Betriebskultur à la Martin Luther

Quelle: idea.de

Evangelische Unternehmer befassen sich mit Berufsethos.

Evangelische Unternehmer befassen sich mit Berufsethos.

Merseburg (idea) – Wie kann man Unternehmertum und protestantisches Berufsethos verbinden? Um diese Frage ging es bei der Jahrestagung des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), die vom 12. bis 14. November in Merseburg (Sachsen-Anhalt) stattfand.
 

Oberkirchenrat Christian Frühwald (Magdeburg) von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland referierte auf dem Treffen in Vertretung der erkrankten Bischöfin Ilse Junkermann. Er plädierte für eine „Betriebskultur à la Martin Luther“. Sie gehe von der Voraussetzung aus, dass jeder Mensch ein Sünder sei und nicht Fehler oder Leistungen über seinen Wert entscheiden. Daraus folge die Handlungsmaxime: „Fehler macht jeder, entscheidend ist jedoch die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.“ Dies motiviere zu neuen Ideen und Lösungen. Fehler würden nicht als Problem verstanden, sondern als Aufgabe, Mitarbeiter und Organisation weiterzuentwickeln. Eine lutherische Betriebskultur wende auch die biblische Unterscheidung an: „Prüfet alles und behaltet, was gut ist!“ Kritisch äußerte sich Frühwald zu dem in vielen Büchern und Unternehmerseminaren gelehrten „positiven Denken“. Dabei gehe es um eine andere Sicht der Wirklichkeit, nicht aber um persönliche und strukturelle Veränderung. Frühwald: „Dagegen setze ich die Kraft des Evangeliums, die eine ganz andere Dynamik entwickelt.“

Menschliche Grenzen beachten

Der Oberkirchenrat sprach sich ferner dafür aus, die Begrenztheit menschlichen Tuns anzunehmen. Mit Handy, Laptop, Internet und freier Arbeitszeit seien Raum und Zeit keine begrenzenden Größen mehr. Doch machten Menschen die Erfahrung, dass ihre Ehen scheitern und sie innerlich ausbrennen (Burnout). Zur Beachtung der Grenzen gehöre, den Sonntag als Ruhetag zu begehen und möglicherweise auf das Handy am Wochenende zu verzichten.

Nicht auf Korruption einlassen

Auf der Tagung diskutierten Unternehmer über praktische Aspekte des Christseins in ihrer Arbeit. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man mit der Erwartung in anderen Ländern umgeht, dass Bestechungsgelder gezahlt werden. Friedrich Jüngling (Frankfurt am Main) vom Vorstand der Deutschen Leasing AG warnte davor, sich darauf einzulassen: „Wenn wir mit unseren Spielregeln in einem anderen Land keine Geschäfte machen können, dann lassen wir es.“ Wenn man an einer Stelle Regeln außer Kraft setze, könne man nicht erwarten, dass sich Mitarbeiter an andere ethische Grundsätze hielten. Der Geschäftsführer des Ingenieurbüros seecon in Leipzig, Jeffrey Seeck, nannte Korruption „zutiefst unchristlich“. Er plädierte dafür, konsequent an Wertmaßstäben festzuhalten, auch wenn dies Umsatzeinbußen mit sich bringen könne. Statt Schmiergelder zu zahlen, sollten Unternehmen durch Innovation und Leistung überzeugen. Im Blick auf die Globalisierung vertrat der Vorsitzende des AEU, Michael Freiherr Truchseß (Niederflorstadt bei Frankfurt am Main), die Ansicht, dass die Leitung eines international tätigen Unternehmens für alle Mitarbeiter Verantwortung trage, gleichgültig in welchem Land. In der deutschen Wirtschaft gebe es die Tendenz, sich vor allem für die hiesigen Mitarbeiter verantwortlich zu fühlen. Das habe mit Christentum, Moral und Ethik nichts zu tun.

Vertrauensschwund entgegenwirken

Der Theologieprofessor Klaus Tanner (Heidelberg) unterstrich die Bedeutung des Vertrauens für das Miteinander in den Kirchen und der Wirtschaft. Der Rückgang der Mitgliederzahlen in Gewerkschaften, Parteien und Kirchen zeige den Vertrauensverlust gegenüber Institutionen. Dazu hätten auch die sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche massiv beigetragen, die auch den Protestantismus träfen. Es gehöre deshalb zu den zentralen Aufgaben der Kirchen, neues Vertrauen aufzubauen.