22. November 2017

Anfragen an Studie: Schlagen Freikirchler ihre Kinder häufiger?

Quelle: idea.de

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer. Foto: PR

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer. Foto: PR

Hannover (idea) – Kinder aus Familien, die zu freikirchlichen und evangelikalen Gemeinden gehören, werden besonders häufig geschlagen. Das behauptet der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer (Hannover).
 

Eine Umfrage seines Instituts unter 1.000 jungen Leuten ergab, dass Kinder aus freikirchlichen Familien häufiger körperlich gezüchtigt werden als die von landeskirchlichen Protestanten sowie Katholiken und Muslimen. In der TV-Sendung „Tacheles“ (Phoenix) sagte der Kriminologe: „Es gibt keine andere Gruppe, auch nicht bei den Muslimen, die so häufig bei der Erziehung zum Schlagen Zuflucht nimmt, wie das bei diesen Evangelikalen der Fall ist.“ 73 Prozent der Kinder aus den tiefgläubigen Familien würden geschlagen. Je religiöser die Eltern seien, desto weniger kümmere es sie, dass körperliche Züchtigung in Deutschland seit dem Jahr 2000 verboten sei. Das Ergebnis wundere ihn besonders, weil das Bildungsniveau der Freikirchler besonders hoch sei.

Freikirchen gegen Erziehung mit Schlägen und Gewalt

In den 14 Mitglieds- und Gastmitgliedskirchen der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) wird die Studie nach den Worten ihrer Präsidentin, Rosemarie Wenner (Frankfurt am Main), sehr ernstgenommen. „Wir wollen uns selbstkritisch damit auseinandersetzen“, sagte die Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) gegenüber idea. Zugleich stellte sie klar, dass in den Freikirchen nach ihr vorliegenden Informationen kein Erziehungsprinzip vermittelt werde, „in dem Schläge und Gewalt eine Rolle spielen“. Das wäre unvereinbar mit dem Anspruch, „das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen in Wort und Tat zu verkünden“. In der EmK gebe es eine Selbstverpflichtung, in der es heiße: „Gewalt als Mittel der Erziehung und Konfliktlösung schließen wir aus.“ Man werde aufgrund der Studie dennoch überprüfen, ob sich für die Aussagen Anhaltspunkte oder Belege in den VEF-Kirchen finden lassen. „Wenn Eltern in unseren Gemeinden die Treue zur Bibel derart missverstehen würden, dass sie Kinder prügeln, gäbe es dringenden Handlungsbedarf“, so die Bischöfin, „gerade auch deshalb, weil sich die Freikirchen „sehr stark in der Arbeit mit Kinder, Jugendlichen und Familien engagieren“.

Baptisten-Präsident: Studie nicht nachvollziehbar

Der Präsident des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), Pastor Hartmut Riemenschneider (Marl), sagte, er könne das Ergebnis nicht nachvollziehen: „Wir distanzieren uns schon lange von körperlicher Züchtigung und leisten über unser Jugendwerk Aufklärungsarbeit.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass eine Umfrage in den Gemeinden seines Bundes zu einem ähnlichen Ergebnis kommen würde. Aus der eigenen seelsorgerlichen Praxis seien ihm nur Einzelfälle bekannt, die keinen Rückschluss im Sinne der Umfrage zuließen. Bekannt sei aber, dass Jugendliche aus kirchen- und bildungsfernen Familien, die durch die missionarische Arbeit einer Gemeinde erreicht würden, häufiger mit familiärer Gewalt zu tun hätten. Der Leiter des evangelikalen Bibelseminars Bonn, Heinrich Derksen (Bornheim bei Bonn), hält es durchaus für möglich, dass Christen, die konsequent nach der Bibel leben wollten, ihren Kindern hin und wieder „einen Klaps“ gäben. Über die Qualität ihrer Erziehung sage dies nichts aus. Wichtig sei es vielmehr, Kindern Werte zu vermitteln und ihnen ein Gefühl der Geborgenheit und Liebe zu geben. Sie litten nachweislich mehr unter psychischem Druck wie Liebesentzug, Streit zwischen den Eltern und Beschimpfungen als unter körperlicher Züchtigung, „wobei das eine das andere nicht rechtfertigt“, so Derksen.