21. September 2017

Hessen: Evangelische Gemeinschaftsbewegung schrumpft

Quelle: idea.de

55 Gemeinschaften aufgelöst – 25 Prozent Mitgliederrückgang.

55 Gemeinschaften aufgelöst – 25 Prozent Mitgliederrückgang.

Wetzlar (idea) – Die evangelische Gemeinschaftsbewegung ist in Hessen an immer weniger Orten vertreten.
 

Seit dem Jahr 2000 stellten 55 Gemeinschaften – vor allem aus demographischen Gründen – ihren Betrieb ein. Wie eine idea-Umfrage ergab, gibt es Angebote der landeskirchlichen Gemeinschaften heute an 325 Orten. Insgesamt gehören rund 10.000 Mitglieder zu einem der sechs Gemeinschaftsverbände in Hessen, ein Minus von fast 25 Prozent in den letzten zehn Jahren. Teilweise beruhen die Angaben auf Schätzungen, weil im Stadtmissionsverband Frankfurt am Main keine verlässlichen Zahlen vorliegen und der Chrischona-Gemeinschaftsverband mit Sitz in Gießen auch über Hessen hinaus aktiv ist. Allerdings gibt es in allen Verbänden einzelne Gemeinschaften, die gegen den Trend deutlich wachsen.

Herborn: 44 Prozent Mitgliederverlust

Der Evangelische Gemeinschaftsverband Herborn hat in den vergangenen zehn Jahren rund 44 Prozent seiner Mitglieder verloren. Die Zahl sank von 2.538 auf 1.408. Die Zahl der Gemeinden ging um 11 auf 88 zurück. Anders verlief die Entwicklung bei den Freunden, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen; sie stiegt von 1.500 auf 1.800. Nach Angaben von Gemeinschaftsinspektor Eberhard Hoppe (Eschenburg) gibt es kein Patentrezept, um die Abwärtsentwicklung bei den Mitgliedern zu stoppen. Weniger betroffen seien Gemeinschaften, die als Richtungsgemeinden neue Gottesdienstformen praktizierten und Angebote für Familien machten. Doch auch Gemeinschaften mit der klassischen Bibelstunde für Senioren fänden in jüngster Vergangenheit immer häufiger ihr Publikum. „Die Gesellschaft wird älter – und Senioren wollen wieder mehr über die Bibel erfahren“, so Hoppe. Die Bibelstundengruppen seien unterschiedlich groß. Doch auch wenn nur zwei Mitglieder kämen, lese man gemeinsam die Bibel.

Marburg: Positive Entwicklung ist ein „Wunder“

Positiv verlief die Entwicklung beim Hessischen Gemeinschaftsverband Marburg. Er hat die Zahl seiner Mitglieder um 5 Prozent auf 1.542 steigern können. Zusätzlich gebe es rund 300 Freunde. Die Zahl der Gemeinden ging allerdings von 50 auf 43 zurück. „Angesichts der sinkenden Mitgliederzahl in den Kirchen ist unsere Entwicklung ein Wunder“, sagte Inspektor Harald Baumann (Kirchhain) gegenüber idea. Gemeinschaften, die sich als Gemeinden verstehen und ein „volles Programm“ anbieten, seien besonders gut aufgestellt. Baumann rechnet damit, dass die Gemeinden sich in Zukunft vor neue Herausforderungen gestellt sehen. Während sie sich heute noch fragen, wie sie Kirchendistanzierte erreichten, so bekämen sie es künftig verstärkt mit Glaubensdistanzierten zu tun. Interesse an Glaubensfragen könne nur dann geweckt werden, wenn man als Christ einen glaubwürdigen, überzeugendenden und mitreißenden Lebensstil vorlebe.

Trend wird anhalten

Der Evangelische Gemeinschaftsverband Hessen-Nassau (Neukirchen) hat bei seinen Mitgliedern, Freunden, Gottesdienstbesucher und Gemeinschaften starke Rückgänge hinnehmen müssen. Das bestätigte Verbandsinspektor Norbert Held. Die Zahl der Mitglieder sank um 11 Prozent auf 1.874, die der Freunde um acht Prozent auf 1.600 und die Zahl der Gottesdienstbesucher um 26 Prozent auf rund 2.000. Heute ist der Verband an 140 Orten vertreten, zehn weniger als im Jahr 2.000. Die stärkste Altergruppe bildeten gegenwärtig die 40- bis 60-jährigen. Held rechnet damit, dass der Trend anhält. Gleichzeitig geht er davon aus, dass in „Zentralorten“ der Besuch ansteigen wird.

Weniger Gemeinden, mehr Besucher

Im Starkenburger Gemeinschaftsverband ist die Zahl der Mitglieder mit 600 in etwa konstant geblieben, teilte der 1. Vorsitzende Rolf Hartmann (Modautal bei Darmstadt) idea mit. Allerdings sei die Zahl der Gemeinschaften in den sieben Bezirken von 23 auf 16 gesunken. Neben den Mitgliedern erreiche man rund zusätzlich 170 Besucher, ein Plus von 70 Prozent. Vor allem durch Gästegottesdienste würden Interessenten angesprochen. Weil diese Treffen aber sehr vorbereitungsintensiv seien, könnten sie nur alle vier bis acht Wochen stattfinden.

Frankfurt: Festhalten am Status Quo

Die Zukunft des Stadtmissionsverbandes Frankfurt am Main scheint den Verantwortlichen unbefriedigend zu sein. Der Verband besteht nur noch aus der Personalkirchengemeinde Frankfurt Nord-Ost mit 256 Mitgliedern sowie den Gemeinschaften Frankfurt-Nied mit etwa 50 und Neu-Isenburg mit 30 Mitgliedern. In den siebziger Jahren habe es noch 16 Gemeinschaften in und um die Main-Metropole gegeben. „Diese Zusammenkünfte haben sich nach und nach aufgelöst“, teilte Pfarrer Andreas Hannemann von der Nord-Ost-Gemeinde idea mit. Um wieder wachsen zu können, seien maßvolle und moderne Veränderungen in der Gottesdienstgestaltung unumgänglich. Hier sei man auf einem „mutigen Weg“. Die Familienarbeit werde in allen Gemeinschaften des Stadtmissionsverbandes gefördert. Die Personalkirchengemeinde Nord-Ost habe schon vor Jahren mit dem Gemeindeaufbau angefangen. Die Altersstruktur habe sich verjüngt, und der Mitgliederstand habe gehalten werden können. „Nord-Ost ist eine Gemeinde, die traditionelle Elemente der Landeskirche, wie Orgelspiel und Liturgie im Gottesdienst, beibehält, dabei aber offen ist für moderne Elemente. Damit wird eine Brücke zwischen den Generationen gebaut“, so Hannemann.

Chrischona: Null-Wachstum

Ein „Null-Wachstum“ hat der Chrischona-Gemeinschaftsverband in den letzten Jahren erlebt. Der Verband hat unverändert rund 6.500 Mitglieder und Freunde in derzeit 69 Gemeinden, darunter 35 in Hessen. Allerdings wurde sieben Gemeinschaften in den letzten Jahren geschlossen. 25 Gemeinden wachsen nach Angaben von Geschäftsführer Siegfried Bledau deutlich, etwa in Butzbach und Friedberg. Beim Gottesdienstbesuch gebe es insgesamt ein Plus um vier Prozent auf rund 5.000. Die Gemeinden mit steigenden Besucherzahlen hätten dies vor allem den Einfluss der Willow-Creek-Bewegung mit ihrem Kinderprogramm „Abenteuerland“ zu verdanken, erläuterte Verbandsinspektor Rainer Geiss (Friedrichsdorf). Sie hätten bei der Gestaltung aller Angebote konsequent Gemeindefremde im Blick: „Wir fordern und fördern Familienarbeit.“ Darüber hinaus wolle man auch offensiv die „zukunftsweisende Seniorenarbeit“ ansprechen. „Einmal im Monat eine Bibelstunde und sonst Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte, damit kann man Senioren heute nicht mehr begeistern“, sagte Geiss, der selber in zwei Jahren in den Ruhestand gehen wird.