21. November 2017

Moralische Standpauke statt Frohbotschaft

Quelle: idea.de

Philosoph Herbert Schnädelbach: Gut, dass die Kirche aus dem Zentrum gerückt ist. Foto: idea/Henning Lüthje

Philosoph Herbert Schnädelbach: Gut, dass die Kirche aus dem Zentrum gerückt ist. Foto: idea/Henning Lüthje

München (idea) – Die Kirchen sollten es nach Ansicht des Philosophen Prof. Herbert Schnädelbach (Hamburg) nicht bedauern, dass sie aus dem Zentrum der Gesellschaft gerückt sind.
 

Es sei ein Gewinn für die Christen, wenn sie „nicht mehr in erster Linie für die Moral ihrer Mitmenschen verantwortlich sind“, sagte er am 14. Mai auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München. Es sei unzutreffend, wenn behauptet werde, ohne Religion hätten die Menschen keinen Halt und keine Moral mehr. Schnädelbach, der sich als „nachdenklicher, irreligiöser Sympathisant der Religion“ bezeichnet, machte für den häufig schlechten Gottesdienstbesuch in den Gemeinden eine moralisierende Verkündigung verantwortlich: „Wer möchte schon statt der Frohbotschaft einer moralischen Standpauke lauschen?“

Religion nicht mit Moral gleichsetzen

Die Religionspädagogin Prof. Judith Könemann (Münster) stimmte Schnädelbach zu. Es bestehe die Gefahr, dass Religion mit Moral gleichgesetzt werde. Es sei ein Fehler, wenn die Kirchen allein für sich beanspruchten, der Gesellschaft die „moralischen Ressourcen“ zu liefern. Die Kirche solle sich vielmehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Wie Schnädelbach weiter sagte, sei Religion in der Gesellschaft zur Privatsache geworden. Deshalb werde es heute als exhibitionistisch angesehen, „wenn Berufschristen ihren Glauben wie eine Flagge vor sich hertragen“. Der Philosoph übte ferner scharfe Kritik an den US-Evangelikalen, die er als „fundamentalistische Sekte aus selbstgerechten Wiedergeborenen“ bezeichnete. Diese Evangelikalen verkauften Religion als Ware, zum Beispiel Wiedergeburt und vor allem ein gutes Gewissen.

Jeder dritte unter 60-Jährige religionslos

In der Veranstaltung zur Frage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ stellte der Leiter der Abteilung Gesellschaft und Religion bei der Bertelsmann-Stiftung, Martin Rieger (Gütersloh), Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung „Religionsmonitor“ vor. Danach versteht sich etwa ein Drittel der unter 60-Jährigen in Deutschland als religionslos. Diese Gruppe unterscheide sich in ihrer Einstellung deutlich von den 18 Prozent der Bevölkerung, die nach der Umfrage stark religiös sind. So habe für 80 Prozent der Hochreligiösen eine Familie mit Kindern einen hohen Stellenwert, aber nur für die Hälfte der Religionslosen. Rieger: „Je religiöser die Menschen sind, desto mehr Kinder haben sie.“ Nach seinen Angaben sind zwei Drittel der Religionslosen nicht religiös erzogen worden.