19. November 2017

Weizsäcker: Ein mutiges „Vorbild“ oder ein „Waschlappen“?

Quelle: ideaPressedienst 20. April 2010

DER SPIEGEL 11/2010 - Fotokopie

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Der Vorzeigeprotestant Richard von Weizsäcker und das Bekenntnis zum christlichen Glauben
 

Kommentar von Helmut Matthies

Gregor Gysi? Oder wer sonst könnte auf die Frage der „Süddeutschen Zeitung“ „Wie halten Sie es mit der Religion?“ so antworten: „Ich finde, es ist eine lebenserhaltende und lebensstärkende menschliche Überlieferung. Wenn es dann allzu konkret wird, lässt die Lebhaftigkeit meiner Überzeugung etwas nach“ (27. Mai 2006). Kein Wort von Gott, von Christus – alles nur menschliche Überlieferung. So würde vermutlich ein Agnostiker, ja möglicherweise auch ein wohlwollender Heide antworten. Tatsächlich aber ist es der Vorzeigeprotestant der letzten Jahrzehnte gewesen: Richard von Weizsäcker, langjähriger Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages wie Mitglied der Leitung der EKD, des Rates, und schließlich Staatsoberhaupt von 1984 bis 1994. Leider war seine Antwort kein Aussetzer.

Das zeigte der Film der ARD zum 90. Geburtstag Weizsäckers am 15. April: „Für immer Präsident“, in dem Sandra Maischberger von Weizsäcker interviewte:

„Sandra Maischberger: ‚Ich darf alle fragen, ob sie an Gott glauben, nur ausgerechnet den ehemaligen Präsidenten des Kirchentages darf ich das nicht fragen. Nämlich Sie. Warum darf ich Sie dies denn eigentlich nicht fragen?’
Weizsäcker: ‚Darüber spreche ich am liebsten mit mir selbst und nicht in der Öffentlichkeit.’

Maischberger: ‚Warum? Darf ich das fragen, warum das so ist?’
Weizsäcker: ‚Es ist mir lieber und ich habe immer gefunden, dass jeder in Bezug auf seine Glaubensüberzeugungen einen Anspruch darauf hat, das mit sich und nicht in der Öffentlichkeit abzuhandeln. Und dabei wird es auch bleiben. Auch wenn Sie mich das noch öfter fragen werden.’

Maischberger: ‚… Also es ist eine Privatsache für Sie, die eben zu privat ist, um es zu erläutern …’
Weizsäcker (unwirsch): ‚Wollen wir weiterkommen?’

Maischberger: ‚Haben Sie eine Vorstellung von dem Leben nach dem Tod?’“
Weizsäcker (antwortet nicht)

Weizsäcker ist erst vor knapp sechs Monaten – am Reformationstag (31. Oktober) – mit dem höchsten Preis, den die Volkskirche zu vergeben hat, geehrt worden: der „Luther-Medaille“. Die EKD wusste, dass Weizsäcker – wie jetzt vor 1,65 Millionen Zuschauern – öffentlich widerwillig reagiert, wenn es um Gott geht. Trotzdem bekam er nicht nur die Medaille, sondern wurde bei der Verleihung von der EKD-Spitze gelobt für seine protestantischen Tugenden. Er sei „für Generationen Vorbild und Leitfigur“. Wörtlich hieß es: „In Persönlichkeiten wie Ihnen findet der Geist der Reformation eine lebendige Anschauung.“ Wirklich?

Luther und Weizsäcker
Martin Luther riskierte sein Leben für Christus. Weizsäcker aber meidet öffentlich geradezu dessen Namen. Luther stand auf gegen die Autoritäten seiner Zeit. Weizsäcker hat es nicht getan.

Er war sicher ein großer Bundespräsident. Seine politische Leistung soll hier nicht beurteilt werden. Es geht allein um das Thema, ob er ein Vorbild im „Geist der Reformation“ war. Zum Hintergrund: Weizsäckers Familie war tief im Nationalsozialismus verstrickt. Sein Vater war als Staatssekretär Hitlers zweiter Mann im Außenministerium. Sein Sohn Richard dürfte deshalb mehr über die Verbrechen des Dritten Reiches gewusst haben als viele normale Bürger. Trotzdem ist keinerlei Widerstandshandlung von ihm bekanntgeworden, nur dass er zu Widerstandskreisen Kontakt gehabt hat. Sein Vater wurde als „Kriegsverbrecher“ inhaftiert. Er hatte unter anderem abgezeichnet, dass es „keine Bedenken“ gegen die Deportation von insgesamt 90.000 (!) Juden gäbe. Beim Prozess gegen seinen Vater „verteidigte er ihn bedingungslos“ (so der „Spiegel“). Beim Diktator und Christendiskriminierer Erich Honecker biederte sich von Weizsäcker an und redete negativ über den demokratisch gewählten Kohl.

Keine Frage zum Schießbefehl
Der Kanzler schreibt in seinen „Erinnerungen“, beim Besuch Erich Honeckers 1987 in Bonn habe Bundespräsident Weizsäcker laut DDR-Protokoll „kein Wort zu Menschenrechtsverletzungen in der DDR (gesagt), keine Frage zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder zum Schießbefehl der Grenztruppen“ gestellt. Stattdessen habe er ein „klares Zugeständnis an Forderungen der SED“ gemacht. Weizsäcker „fiel unserer Politik geradezu in den Rücken … Das war eine einzigartige Entgleisung“. So Bundeskanzler Kohl.

Kirchen loben überschwänglich
Weizsäcker ein Vorbild im Geiste eines mutigen Luthers? Oder war er – wie der Historiker Arnulf Baring in seinem Standardwerk „Machtwechsel“ schreibt – „ein hochkultivierter, hochintelligenter Waschlappen“? Zu seinem jetzigen Ehrentag gratulierten ihm jedenfalls überschwänglich sowohl die (katholische) Bischofskonferenz (Zitat: „Aus der Kraft des Glaubens Unrecht zu benennen und diesem offen zu widerstehen“, sei ein Lebenselement von Weizsäckers) als auch die EKD: Er habe „durch die Verbindung von politischer Nüchternheit und evangelischem Glauben dem Amt des Bundespräsidenten eine besondere Strahlkraft verliehen“.

Und Jesus Christus?
Und Christus? Er sagt allen, die als seine Nachfolger gelten wollen: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater“ (Matthäus 10,32 f).