18. November 2017

Nach dem Segen gab es den „Playboy“

Quelle: idea.de

Kai S. Scheunemann: Die Gemeinde habe neue Zielgruppen ansprechen wollen.

Kai S. Scheunemann: Die Gemeinde habe neue Zielgruppen ansprechen wollen.

Eschborn (idea) – Das haben Besucher eines Gottesdienstes wohl zum ersten Mal erlebt: Nachdem der Pfarrer den Segen gesprochen hatte, durften sie ein kostenloses Exemplar eines Magazins mit nach Hause nehmen, das unter Christen weithin als „sündig“ gilt: den „Playboy“.
 

So passiert am 11. April in einem „GoSpecial-Gottesdienst“ der evangelischen Andreasgemeinde Niederhöchstadt (Eschborn bei Frankfurt am Main). Dieser Gottesdienst wendet sich besonders an Kirchendistanzierte und findet einmal pro Monat im Kinocenter Kinopolis im Main-Taunus-Zentrum statt. Dieses Mal stand er unter dem Motto „Reges Verkehrsaufkommen – ein total unverkrampfter GoSpecial über Sex“. 120 der rund 400 Besucher konnten ein „Playboy“-Heft mitnehmen – so viele hatte der Verlag zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde habe neue Zielgruppen ansprechen wollen, begründete Pastor Kai S. Scheunemann die Aktion gegenüber idea: „Wenn wir Menschen mit Gottes Liebe erreichen wollen, die sonst keiner in der Kirche erreicht, müssen wir Dinge tun, die sonst keiner tut. Deshalb machen wir manchmal so verrückte Sachen.“ Das Thema Sex habe man für den Gottesdienst gewählt, „weil es von den Besuchern gewünscht worden war“, so Scheunemann gegenüber idea. In der aktuellen Predigtreihe der „GoSpecial“-Gottesdienste gehe es schwerpunktmäßig um Beziehungsfragen.

Für neues Ehebild

In seiner Predigt vertrat Scheunemann die Ansicht, dass Gott die Sexualität zum Genuss geschaffen habe – ausschließlich für die Ehe. Allerdings plädierte der Theologe in dem Zusammenhang für ein neues, der Wirklichkeit angepasstes Eheverständnis – unabhängig von Trauschein und kirchlicher Heirat. Als Kennzeichen einer modernen Ehe nannte er deren Exklusivität und die auf Haltbarkeit ausgelegte Beziehung, in die beide Partner „energieaufwändig“ investierten.

Homosexuelle als Mitarbeiter willkommen

Nach der Predigt konnten die Besucher – wie in dem Gottesdienst üblich – Rückfragen stellen. In diesem „Kreuzverhör“ sagte Scheunemann, Homosexuelle seien in der Gemeinde als Mitarbeiter willkommen. Die Trauung eines homosexuellen Paares sei nicht möglich, weil dies ein „Markenzeichen“ für die Beziehung zwischen Mann und Frau sei. Homosexuelle Paare könnten sich aber segnen lassen, allerdings nur nach einem vorherigen seelsorgerlichen Gespräch. Sexuelle Phantasien bezeichnete Scheunemann als „gut“. Zur Frage eines Besuchers, ob man zu einer Prostituierten gehen kann, wenn man keine Partnerin hat:, sagte der Pastor: „Du musst nicht auf Sexualität verzichten.“ Auch Beziehungen zwischen mehreren Partnern hält Scheunemann für möglich, wenn auch nicht für sinnvoll. Die Kirche müsse sich für neue Formen des Zusammenlebens öffnen. Wie diese aussehen könnten, wisse er aber noch nicht. Für die Jugendarbeit der Gemeinde gewann Scheunemann eine Wette und konnte 50 Euro einstreichen. Ein Mitarbeiter hatte mit ihm gewettet, dass der Pastor sich nicht trauen würde, in der Predigt einen umgangssprachlichen Ausdruck für den Geschlechtsverkehr zu verwenden.