19. November 2017

Evangelische Akademie-Tagung mit „Friedenspartner“ Hamas

Quelle: idea.de

Einladung an Terrororganisation stößt auf Kritik bei Politik und Kirche.

Einladung an Terrororganisation stößt auf Kritik bei Politik und Kirche.

Bad Boll (idea) – Sind die palästinensischen Organisationen Fatah und Hamas „Partner für den Frieden“ im Nahen Osten? Das behauptet die Evangelische Akademie in Bad Boll bei Göppingen, die mit Vertretern dieser Organisationen im Juni eine Tagung durchführen will. Dagegen gibt es zahlreiche Proteste, nicht nur aus Württemberg.
 

Laut Einladungsprospekt wendet sich die Tagung an „Menschen, die sich in Gruppen und Organisationen für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen“. Für eine Friedenslösung sei es wichtig, mit Hamas und Fatah zu reden. Außer dem Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, dem Fatah-Funktionär Abdallah Frangi, und dem Hamas-Gesundheitsminister Basem Naim soll auch der langjährige Sprecher des israelischen Parlaments (Knesset), Avraham Burg, referieren, der den Rückzug Israels aus den besetzten Palästinensergebieten fordert. An einer Podiumsdiskussion wollen sich die Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold (SPD), Michael Hennrich (CDU/CSU) und Harald Leibrecht (FDP) beteiligen. Der Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, Joachim. L. Beck, sagte gegenüber idea, dass es zum Auftrag der Akademie gehöre, mit Menschen zu reden anstatt über sie. Die Tagung finde im Zusammenhang mit früheren Veranstaltungen zum Nahen Osten statt. Vor zwei Jahren habe der ehemalige CDU-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Johannes Gerster (Mainz), gefordert, mit Pragmatikern unter den Hamas-Führern zu reden. Das werde jetzt getan, so Beck. Zu der Tagung hätten sich über 120 Personen angemeldet. Kooperationspartner der Tagung sind die katholische Friedensbewegung Pax Christi, der Evangelischen Entwicklungsdienst und die „Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt“.

Bundeszentrale: Hamas will Israel vernichten

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die zunächst zugesagte Unterstützung der Tagung zurückgezogen. Sie habe nach Prüfung des Programms festgestellt, dass die Förderung einer Veranstaltung mit einem Hamas-Vertreter durch die Bundeszentrale nicht in Betracht komme, teilte ihr Sprecher Daniel Kraft (Bonn) idea mit. Hamas habe sich satzungsmäßig dem Ziel einer Vernichtung des Staates Israel verschrieben. Auf vielfältige Weise versuche sie immer wieder, dies zu verwirklichen. Die Europäische Union habe die Organisation deshalb auf die Liste terroristischer Organisationen gesetzt. Jede Förderung einer Veranstaltung mit einem Hamas-Vertreter scheide deshalb aus.

Hamas verantwortlich für Morde an Juden und Christen

Die kirchlichen Kritiker der Tagung halten die Charakterisierung der Hamas als „Friedenspartner“ für einen Skandal. Hamas werde vom Ministerrat der EU zu Recht als terroristische Vereinigung bezeichnet. Aus ihren Selbstdarstellungen gehe hervor, dass es Pflicht eines jeden Moslems sei, für die Eroberung Israels zu kämpfen. Das Töten von Juden sei eine Voraussetzung für das Kommen des Jüngsten Gerichts. Andere Religionen in der Region würden nur unter den „Fittichen des Islams“ akzeptiert. Zudem weisen die Kritiker darauf hin, dass die Hamas im Gazastreifen für die Verfolgung und Ermordung einheimischer Christen verantwortlich sei.

Synodaler: Akademie muss Tagung absagen

Nach Ansicht des Sprechers der württembergischen Synodalgruppe „Lebendige Gemeinde“ und Vorsitzenden des pietistischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“, Pfarrer Steffen Kern (Walddorfhäslach bei Tübingen), muss die Akademie die „eigenartig unkritisch konzipierte Tagung“ absagen oder in deutlich anderer Form durchführen, damit der Landeskirche kein erheblicher Schaden entstehe. Die Kirche dürfe sich nicht an die Seite von Antijudaisten stellen und 65 Jahre nach dem Holocaust derart geschichtsvergessen handeln. Aus theologischen Gründen hätten Christen grundsätzlich an der Seite von Juden zu stehen, „auch wenn wir nicht jede politische Initiative in Israel unkritisch sehen“, sagte Kern gegenüber idea. Der Vorsitzende der württembergischen Ludwig-Hofacker-Vereinigung, Dekan Ralf Albrecht (Nagold), nannte gegenüber idea das Tagungsprogramm „politisch unausgewogen“. Die Einseitigkeit der Hauptreferenten zeige keine Wege zum Frieden.

Kennt die Akademie die Hamas-Charta nicht?

Der frühere Vorsitzende des Islam-Arbeitskreises der Deutschen Evangelischen Allianz, der württembergische Kirchenrat i.R. Albrecht Hauser (Korntal bei Stuttgart), äußerte sich „bestürzt über die ideologische Einflussnahme antijüdischer und antisemitischer Kräfte in kirchlichen Kreisen“. Er könne sich kaum vorstellen, dass man in Bad Boll die Charta der Hamas nicht kenne. Der Geschäftsführer des Evangeliumsdienstes für Israel (EDI/Echterdingen bei Stuttgart), Hartmut Renz, fragt, wie eine kirchliche Einrichtung Organisationen, die darauf bestünden, den israelischen Staat auszulöschen, als „Partner für den Frieden“ einladen und damit indirekt aufwerten könne. Der Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung befürchtet einen Dammbruch. „Erklärte Feinde Israels, die sich zum Ziel gesetzt haben, den jüdischen Staat zu vernichten, werden hier salonfähig gemacht“, so eine Pressemittelung der Vorsitzenden, Kirchenrat i.R. Hartmut Metzger (Tübingen) und Pastor Helmut Schert (Kernen bei Stuttgart).