25. Februar 2018

Kommentar: „Wir sind doch evangelisch“

Quelle: idea.de

E wie Evangelisch

E wie Evangelisch

Von: Helmut Matthies
 

Kein höchster Repräsentant der evangelischen Volkskirche in Deutschland hat bislang so kurz amtiert und keiner wurde so kontrovers beurteilt wie Margot Käßmann, ganze 120 Tage im Amt. Während die grün-alternative „tageszeitung“ (taz,Berlin) schrieb: „Käßmann bewegte in ihrer Amtszeit mehr als ihr Vorgänger (Wolfgang Huber) in sechs Jahren“, meinte die „Rheinische Post“ aus Düsseldorf: Die Amtszeit der Ratsvorsitzenden der EKD sei „glücklos“ gewesen. Was Linke erfreute, empfand das bürgerliche Blatt als kritikwürdig. So habe die russisch-orthodoxe Kirche nach ihrer Wahl die Gespräche mit der EKD abgebrochen, die Kritik Käßmanns am Afghanistan-Einsatz habe provoziert und ihre Schelte für den Papst die Katholiken erzürnt. Ein Rückblick nicht nur auf die letzten Tage.
 

„Ich fahre NIE mit Alkohol, es war eine so unglückliche Verquickung von Umständen und so megapeinlich. Ich hätt’ gern ein Loch zum Versinken …“ Wer könnte nicht diese überaus verständliche Reaktion von Landesbischöfin Käßmann nachvollziehen, die sie per SMS engen Freunden Anfang der Woche zuschickte? Wer wünschte sich nicht, eine solche Situation – mit 1,54 Promille, also volltrunken, von der Polizei erwischt zu werden – ungeschehen machen zu können? Gnadenlos brachte Deutschlands Massenblatt „Bild“ am 23. Februar jedes Detail an die Öffentlichkeit. Doch auch der „schlimme Fehler“ – wie Frau Käßmann sofort zugab – hat zwei Seiten. Sie hätte beim Überfahren einer roten Ampel in Hannover auch mit einem anderen Pkw zusammenstoßen oder gar Fußgänger überfahren können. Der österreichische Politiker Jörg Haider hatte mit 1,8 Promille nicht wesentlich mehr Alkohol im Blut, als er 2008 mit seinem Auto tödlich verunglückte. Dass das bei ihr nicht eintraf, ist – bei allem Unglück – ein Grund, Gott zu danken.

Gleich nach dem Vorfall war Margot Käßmann zum Rücktritt entschlossen, wurde dann aber im Kirchenamt der EKD in Hannover „bearbeitet“, es nicht zu tun. Die „Süddeutsche Zeitung“: „Am Dienstagabend stand ihr Entschluss fest: Sie tritt nicht zurück.“ Als das Blatt am Mittwoch zu kaufen war, sah es bald anders aus. Wie kam es nun doch zum Rücktritt? In einer Telefonkonferenz hatte sich die Leitung der EKD, der Rat, beraten, was zu tun sei. Er sprach seiner Vorsitzenden, Margot Käßmann, „einmütig“ sein Vertrauen aus (normalerweise schreibt man „einstimmig“, wenn es alle taten). Aber entscheidend ist: In der Pressemitteilung der EKD steht nicht, man habe sie ermutigt weiterzumachen. Stattdessen heißt es: „In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll.“ Margot Käßmann sollte allein entscheiden. Vermutlich aber dürfte für ihren Entschluss gravierender gewesen sein, dass die „Bild“-Zeitung am Mittwochmorgen titelte „Sie war nicht allein im Auto“: „Auf dem Beifahrersitz ihres Dienstwagens saß ein unbekannter, männlicher Begleiter.“ Wer „Bild“ kennt, musste jetzt eine Schmutzkampagne erwarten. Das alles wollte sich Margot Käßmann vermutlich dann nicht auch noch antun. Letztlich hat wohl „Bild“ entscheidend zum Sturz der ersten Frau im Ratsvorsitz beigetragen – das Blatt, in dem sie ein Jahr lang Woche für Woche im Niedersachsenteil einen Kommentar schrieb und damit mithalf, Deutschlands Schmutzblatt einen Anstrich von Seriosität zu verleihen. Doch auch die seriöse Frankfurter Allgemeine Zeitung kam am Mittwoch nicht ohne Häme aus: „War auch ein bisschen viel in letzter Zeit, erst seit Ende Oktober im Amt und gleich so viele Attacken, Ausfälle und Fettnäpfe, nichts ausgelassen, ständig in alle Mikros und Kameras mahnen, und dann die permanenten Korrekturen und War-nicht-so-gemeints – Frauenpriestertum ist alles andere als ein Spaziergang.“ Schaut man sich das Medienecho nach ihrer beeindruckenden Rücktrittserklärung an, so sind sich so gut wie alle einig, dass es wohl keinen anderen Weg gab als den, den sie eingeschlagen hat, zumal auch zuvor kein bekannter Bischof sie öffentlich zum Bleiben aufgefordert hatte.

Mit Margot Käßmann „verliert die Kirche ihren faszinierendsten religiösen Akteur“ (so die FAZ am Donnerstag, die sie tags zuvor noch mit Häme überschüttet hatte). Tatsächlich konnte sie Fans wie Kritiker immer wieder neu überraschen. Wer bei ihrem Amtsantritt als hannoversche Landesbischöfin 1999 erwartete, dass eine Feministin die Szene beherrschte, sah sich nicht selten getäuscht. Sie legte gegenüber idea stets Wert darauf, nicht mit ihrer feministischen Hamburger Bischofskollegin Maria Jepsen und ihrer einstigen Lübecker Kollegin, Bärbel Wartenberg-Potter, in eins gesetzt zu werden. Feministin wollte sie nie sein, auch wenn sie manche Forderungen aus dieser Richtung übernahm – von der Ausweitung der Ganztagsbetreuung von Kleinkindern und der Berufstätigkeit der Mütter bis hin zur Leugnung der Jungfrauengeburt Jesu (eine Irrlehre, die sie erfreulicherweise in den letzten Jahren nicht mehr – wie einst regelmäßig in der Adventszeit – wiederholte). Mehr als viele Kollegen im Leitungsamt stellte sie die Bedeutung Jesu Christi heraus. Welcher Bischof hat in den letzten Jahren in all dem „Wir glauben doch alle an einen Gott“-Geschwätz mal öffentlich in einem Interview bekannt: „Ich bin der Meinung, ein Mensch muss an Christus glauben, um in den Himmel zu kommen.“

Für sie war auch die leibliche Auferstehung Jesu nie ein Problem, sondern die Basis ihrer Theologie. Wie kaum eine andere Leitungsperson grenzte sie sich von daher vom Islam ab. Noch vor wenigen Wochen hat sie Liberale und Linke mit den Worten irritiert, man solle eine Kirche eher verfallen lassen, als sie Muslimen zum Umbau in eine Moschee zu übergeben. Was verblüffte, war ihre Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber Kritik, was ansonsten in der Kirche – und noch viel mehr im evangelikalen Lager – höchst ungewöhnlich ist. Als ein sehr enger Weggefährte sie wegen ihrer Afghanistanäußerung öffentlich kritisierte, antwortete sie ihm, das sei für sie überhaupt kein Problem. Jeder dürfe sie kritisieren: „Wir sind doch evangelisch.“ Die andere Seite ist ihre grenzwertige Eitelkeit und Ich-Bezogenheit. In den letzten Wochen fiel sie auch auf durch ein übersteigertes Selbstbewusstsein, was Medien nicht ganz zu Unrecht veranlasste, von Starallüren zu sprechen. Sie schien nicht mehr im Blick zu haben, dass sie allein nicht die EKD ausmacht. So hat ihre maßlose Papstkritik auch manche Protestanten peinlich berührt. Insgesamt wirkte sie in vielem überzeugender, als sie „nur“ hannoversche Landesbischöfin und nicht auch noch Ratsvorsitzende war.

Es gab viel Kritik, als der Autor dieses Kommentars in einem Interview mit der Internetausgabe des „Spiegels“ sagte: „Wenn Frau Käßmann jetzt mit ihrem Fehler gut umgeht, könnte das ein besseres Vorbild sein als ein Rücktritt, der hilft niemandem.“ Dass ich nicht sofort ihren Abgang gefordert habe, wurde nicht verstanden. Warum? Nach meinem Verständnis des Neuen Testamentes ist ethisches Versagen schlimm. Viel schlimmer aber erscheint mir, wenn die wichtigste Person für Kirche und Christen, nämlich Jesus Christus, kleingemacht oder gar verschwiegen wird. Da ist ein Bischof (der Name spielt hier keine Rolle), der die Elite seiner Stadt zu einem Essen zusammenruft und über das Gewissen redet. Auf die Frage eines Unternehmers – ob es reicht, ein gutes Gewissen zu haben, damit man in den Himmel kommt – antwortet der Bischof tatsächlich: „Wir brauchen gar nichts zu tun. Gott hat schon alles getan.“ Das könnten Heiden konsequenterweise auch so verstehen: „Wir brauchen also gar nicht Christen zu werden …“ Kein Wort des Bischofs von Jesus Christus. Obwohl sich an ihm tatsächlich entscheidet, wo man die Ewigkeit zubringt, hat er selbst doch gesagt (Matthäus 10,32-33): „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Hat ein solcher Bischof, der der Elite seiner Stadt damit die Möglichkeit verweigert hat, sich mit der entscheidenden Person der Weltgeschichte auseinanderzusetzen, nicht mehr versagt als jemand, der volltrunken bei Rot über eine Ampel fährt – obwohl dies natürlich ein schlimmes Vergehen ist?

Und ein Weiteres: Es gibt Sünden, die werden öffentlich, und andere bleiben ungenannt. Frau Käßmanns Fehler wurde durch „Bild“ an den Pranger gestellt. Ich habe vor mir einen anderen Bischof, der öffentlich für den Mindestlohn eintritt, aber seine Putzhilfe schwarz beschäftigt. Oder einen Kirchenleiter, der im Ruhestand zur Koordination von Vortragsanfragen eine Agentur eingeschaltet hat, bei der die zweite Frage nach der des Termins lautet: „Welches Honorar zahlen Sie denn?“ (Der gleiche Bischof (mit einer dicken Pension) lobte am Ende seiner Amtszeit die Ehrenamtlichen, weil sie unentgeltlich in Gemeinden und kirchlichen Werken ihren Dienst tun.) Oder da ist der Bischof, der einen idea-Redakteur telefonisch und schriftlich in einem hysterischen Anfall schwerst bedrohte wegen eines vermeintlichen Fehlers. Obwohl er nur wenige Tage später erfuhr, dass er sich total geirrt hat, schaffte er es bis heute – fast drei Jahre danach – nicht, sich zu entschuldigen, ruft aber in Ansprachen ständig andere zur Umkehr auf. Warum hat idea das alles nicht veröffentlicht? Weil wir keine Skandalnachrichtenagentur sein wollen!

Am Fall Käßmann wird eine Grundproblematik des deutschen Protestantismus der letzten Jahre deutlich, die Landes- wie Freikirchen betrifft: Wir sind von einer Kirche, die in erster Linie die Frohe Botschaft zu verkünden hat, dass in Jesus Christus der wahre Sinn für das Leben eines jeden Menschen liegt, weithin zu einer Kirche verkommen, die öffentlich nur noch bekannt ist durch permanente Appelle und Forderungen. Das Beispiel Käßmann zeigte es: So gut wie jede Zeitung brachte verständlicherweise alle ihre kritischen Aussagen zum Thema Alkohol im Straßenverkehr, die sie in den letzten Jahren gemacht hat. Und entsprechend wird jede Leitungsperson – ja letztlich jeder Christ – an den hohen Messlatten gemessen, die aufgestellt werden.

Sollte die Kirche also nun nicht mehr appellieren und fordern? Natürlich nicht! Auch Jesus Christus hat zur Buße gerufen. Aber das Entscheidende war: Er hat in erster Linie gerufen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium Gottes“ (Markus 1) – also in erster Linie ein Geschenk und kein abzuarbeitender Leistungskatalog. Und wenn die Kirche diesen Ruf zum Evangelium wieder mehr rausstellte und weniger die ständigen Forderungen an andere, würde sie glaub-würdiger. Denn vieles von dem, was sie verlangt, erfüllt sie selbst nicht, angefangen vom seit langem selbst gesteckten Ziel, 2 % ihrer Kirchensteuereinnahmen für die Entwicklungshilfe zu geben. So bleiben ihr eben Schlagzeilen nicht erspart wie jetzt: „Wer Wasser predigt …“ (aber heimlich Wein trinkt).