22. November 2017

EKD: Viel Politik, wenig Kirche?

Quelle: idea e.V. Pressedienst vom 26.Januar 2010 Nr.26

ekdDie EKD nimmt zu häufig und einseitig politisch Stellung

Ein Kommentar von Alexander Kissler

Das „Neue Deutschland“ war zufrieden. Die sozialistische Tageszeitung freute sich. Der Auftritt von Gregor Gysi und Margot Käßmann Mitte Januar im Deutschen Theater zu Berlin sei für beide ein Erfolg gewesen – inhaltlich wie ästhetisch. Käßmann, „im schwarzen Hosenanzug über weißer Seidenbluse, mit strassbesetzten Stiefeletten und modischem Kreuzanhänger“, habe für „die perfekte Inszenierung zeitgenössischer Missionierung“ gesorgt. Die Kritik der EKD-Ratsvorsitzenden am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr lobte Gysi leidenschaftlich. Er forderte von seinem Gast: „Sie müssen Politiker weiterhin nerven.“
Man kann sich seine Freunde nicht immer aussuchen, und Nähe bedeutet nicht Vereinnahmung. Bemerkenswert ist es dennoch, dass in jüngster Zeit sich die Führungskräfte der EKD vermehrt als politische Stichwortgeber präsentieren. Die offene Frage lautet: Bringt der neue Politkurs die Kirche ins Gespräch oder nur ins Gerede? Wird da aus christlicher Verantwortung mutig gesprochen oder aus persönlicher Eitelkeit populistisch gequatscht? Verwandelt sich die EKD schleichend in einen Zentralrat des Links-protestantismus?

Ein unökumenisches „Nichts“
Was Käßmann in ihren kaum mehr zählbaren Interviews sagt, ist nicht obskur. Ihre pazifistische Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes trug ihr zwar den Vorwurf ein, sie spreche über Sicherheitspolitik wie eine Elftklässlerin. Ihr barsches „Nichts“ auf Gysis Frage, was sie von Papst Benedikt XVI. in der Ökumene erwarte, konterte der sonst so sanftmütige Kurienkardinal Walter Kasper: Käßmann rede zutiefst unökumenisch und ungerecht, sie sei schlicht uninformiert. Beide Positionen aber können inner- wie außerkirchlich mit Beifall rechnen. Gleiches gilt von der ebenso forsch vorgetragenen Aufforderung der Kulturbeauftragten der EKD, Petra Bahr, Erika Steinbach möge ihre „sture Haltung“ überdenken und auf einen Sitz im Rat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ verzichten. Bahr rügte Steinbachs „Kompromisslosigkeit“. Nicht minder kompromisslos äußerte sich die Präses der Synode, Katrin Göring-Eckardt, als sie zum Schweizer Volksentscheid wider die Minarette befragt wurde. Das durch und durch demokratisch zustande gekommene Plebiszit sei demokratiefeindlich. Außerdem verstoße es gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Man fordert, was andere fordern
Ob Käßmann oder Bahr, ob Göring-Eckardt oder die vielen Stimmen, die den Klimaschutz in den Rang einer quasireligiösen Mission erheben: Der laute Chor gehorcht einem erkennbaren Refrain. Wo die Kirche ist, da soll Politik gemacht werden. Und diese Politik bewegt sich stabil innerhalb der Leitplanken des Mainstreams. Man kritisiert, was viele kritisieren, man fordert, was weltliche „Meinungsführer“ auch fordern.

Wozu braucht es da eine Kirche?
Kirche muss Stellung beziehen zur Welt, in die sie gestellt ist. Die Einseitigkeit aber und die
Häufigkeit bergen Gefahren. An die Stelle der Verkündigung droht das Statement zu rücken,
statt der Erlösung wird die Problemlösung zentral, statt der Kanzel die Talkshow, wo eine
diffuse Gottesrede das christliche Bekenntnis ersetzt. Auf lange Sicht könnte das Christentum so das höchste Gut einbüßen, mit dem es in Zeiten kollabierender Selbstverständlichkeiten und wachsender Entchristlichung noch prunken kann: seine Unterscheidbarkeit, seinen himmlischen Horizont, seine Distanz zu den Fürsten und Gewaltigen, den Herren der Welt. Wozu braucht es eine Kirche, die alles kommentiert, kaum etwas aber christlich zu begründen weiß?

(Der Autor, Dr. Alexander Kissler (München), ist Publizist und Sachbuchautor. Er schreibt u. a. für die „Süddeutsche Zeitung“, für „Cicero“ und „The European“. Zuletzt erschien von ihm „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“ (Gütersloher Verlagshaus)“.)