13. Dezember 2017

Pietisten sollen neue Gemeinden gründen

Quelle: idea.de

Auf Geschichtlichkeit der Bibel einlassen und nicht einzelne Bibelstellen „wie als Steinbruch“ zur Untermauerung der eigenen Anschauungen benutzen.

Auf Geschichtlichkeit der Bibel einlassen und nicht einzelne Bibelstellen „wie als Steinbruch“ zur Untermauerung der eigenen Anschauungen benutzen.

Marburg (idea) – Landeskirchliche Gemeinschaften sollten neue Gemeinden gründen – in Absprache mit der Landeskirche. Das hat Pfarrer Martin Abraham (Bruchköbel bei Hanau) auf einer Fachtagung zum Pietismus am 25. September in Marburg gefordert.

Die Landeskirchen allein könnten längst nicht alle Erwartungen abdecken und erfüllen. Die Volkskirche beinhalte allein wegen ihrer Struktur immer auch eine missionarische Aufgabe, weil viele Menschen sich zwar kulturell der Kirche zugehörig fühlten, aber dem Glauben fernstünden, sagte Abraham auf dem ersten Theologischen Symposium zum Thema „Was ist neu am Pietismus?“ der Evangelischen Hochschule Tabor. Nach seinen Worten müssen Barrieren und Hindernisse zwischen Gemeinschaft und Kirche zurücktreten angesichts der Notwendigkeit, „den Menschen einer entchristlichen Gesellschaft das Evangelium zu bringen“. Wie Abraham ferner sagte, verstehe sich der Pietismus als Bibelbewegung. Doch müsse sie sich stärker als bisher auch auf die Geschichtlichkeit der Bibel einlassen und dürfe nicht einzelne Bibelstellen „wie als Steinbruch“ zur Untermauerung der eigenen Anschauungen benutzen: „Wer die Bibel richtig verstehen will, darf nicht nur die Bibel lesen.“ Vielmehr gelte es, sich auf die Welt mit ihrem Denken einzulassen, um der Bibel gerecht zu werden und sie richtig zu verstehen.

Katholiken im Gottesdienst der Pietisten

In der Aussprache wurde deutlich, dass es immer wieder zu Kontroversen zwischen Landeskirchlichen Gemeinschaften und Kirchengemeinden kommt – gerade auf Ortsebene. So berichtete der Prediger einer Landeskirchlichen Gemeinschaft in Bayern, dass rund ein Drittel ihrer 180 Gottesdienstbesucher Katholiken seien, die sich durch Glaubenskurse für ein Leben mit Jesus Christus entschieden hätten. Der katholische Priester des Ortes habe gegen den Besuch nichts einzuwenden, weil die Pietisten „wenigstens glauben, was in der Bibel steht“. Alle Versuche des Predigers, in Kontakt mit dem lutherischen Pfarrer vor Ort zu kommen, seien dagegen gescheitert.

Das Erkennungszeichen der Pietisten

Der Initiator der Tagung, der Leiter der Forschungsstelle Neupietismus der Evangelischen Hochschule Tabor, Frank Lüdke, unterstrich die Bedeutung einer persönlichen Glaubensbeziehung zu Jesus Christus. Sie sei für Pietisten bis heute ein Erkennungszeichen eines „echten Christen“. Doch während in der Vergangenheit die Volkskirche scharf kritisiert wurde, weil längst nicht alle Mitglieder „bekehrt“ waren, spreche man heute anderen Christen den Glauben nicht mehr ab. Man habe erkannt, dass man mit einer solchen Haltung viele andere Christen verletzt habe, sagte Lüdke gegenüber idea. Das Symposium bezeichnete er als bisher einzigartig. Ziel sei es, auf akademischen Niveau gesprächsfähig zu werden. An den theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten werde die Theologie der Landeskirchlichen Gemeinschaften weitgehend ausgeblendet.