24. September 2018

Kommen Männer in der Kirche zu kurz?

Quelle: idea.de

Foto: imago

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Wetzlar (idea) – Jahrhundertelang hatten Männer in der Kirche das Sagen; sie allein bestimmten, worüber gesprochen wurde. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Frauen drängen auf die Kanzeln und in die kirchlichen Führungsetagen. Feministische Auslegungen der biblischen Botschaft gewinnen Raum. Bei Gottesdienstbesuchern und ehrenamtlichen Mitarbeitern sind Frauen ohnehin in der Mehrheit. Kommen inzwischen Männerthemen in den Gemeinden zu kurz?

Unterschiedliche Standpunkte zu dieser Frage vertreten zwei Repräsentanten aus Kirche und Freikirche in der aktuellen Ausgabe des evangelischen Wochenmagazins ideaSpektrum (Wetzlar). Nach Ansicht des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Prof. Friedrich Weber (Wolfenbüttel), zeigen Studien, dass die meisten Männer von kirchlichen Angeboten wenig erreicht werden. Gemeindeveranstaltungen und Gottesdienste würden überwiegend von Frauen genutzt. Auch das Ehrenamt in den Kirchen sei weitgehend weiblich. Die Gründe dafür seien vielfältig. „Die Vermutung liegt aber nicht ganz fern, dass dieser Umstand auch etwas mit dem überkommenen dienenden und helfenden Charakter des Ehrenamtes zu tun hat“, schreibt Weber. Dies habe über viele Jahrzehnte der traditionellen Frauenrolle entsprochen. Sowohl die geschlechtertypischen Rollenbilder als auch das Bild des Ehrenamtes hätten sich aber gravierend gewandelt. Weber: „Das ist gut so.“ Heute gehe es um Mitverantwortung und Mitgestaltung auf Augenhöhe zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. „Das dürfte Männern entgegenkommen, denen es ja besonders nahe liegt, ‚anzupacken’ und sich mit Themen auseinanderzusetzen – so dass eine wirkliche Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche immer mehr Gestalt gewinnen kann“, so Weber.

Baptistin: Kirchliche Themen gehen alle an

Nach Meinung der Generalsekretärin des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), Pastorin Regina Claas (Elstal bei Berlin), gehen die Themen, die in Kirchen und Gemeinden im Mittelpunkt stehen, alle an – Männer und Frauen, Jung und Alt. „Denn alles dreht sich um den Mittelpunkt des Lebens überhaupt – um Jesus Christus.“ Auch die Tatsache, dass es mehr männliche als weibliche Geistliche gebe, sorge dafür, dass in der Predigt Männerthemen nicht zu kurz kämen. Männer hätten auch die Möglichkeit, sich in anderen Bereichen des Gemeindelebens einzubringen. Claas: „Vor 100 Jahren wurden die wesentlichen Fragen der Männer im ‚Jünglingsverein’ einer Gemeinde oder bei der Zigarre auf dem Kirchhof nach dem Gottesdienst verhandelt. Heute müssen Männer vielleicht neue Wege finden, um ihre Themen zu äußern – doch die Möglichkeit dazu besteht.“ Untersuchungen zufolge stellen Frauen rund 70 Prozent der ehrenamtlichen Mitarbeiter in Gemeinden. Ähnlich hoch ist ihr Anteil bei den Gottesdienstbesuchern.