21. Juni 2018

Ein großer Präsident ist zurückgetreten

Quelle: idea.de
 

Selten hat sich ein Staatsoberhaupt so sehr zum christlichen Glauben bekannt wie Horst Köhler.

Selten hat sich ein Staatsoberhaupt so sehr zum christlichen Glauben bekannt wie Horst Köhler.

„Gott schütze dieses Land!“ – Ein Satz, gesprochen von Bundespräsident Horst Köhler. „Dafür bete ich!“ – ein anderer Satz, gesprochen ebenfalls von ihm. Horst Köhler ist vom höchsten Amt, das unser Land zu vergeben hat, zurückgetreten: vom Amt des Bundespräsidenten. Dass ein Staatsoberhaupt zurücktritt, ist bisher einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ein Kommentar von Matthias Schreiber.
 

Dieser Schritt kommt zu einem Zeitpunkt, wo politische Stabilität wichtiger ist als je und es sind wenigstens zwei schlechte Nachrichten: eine für Deutschland, eine zweite für Europa!

Die „Bild“-Zeitung muss sich immer noch schämen für ihre Schlagzeile „Horst wer?“, mit der sie den noch unbekannten Köhler nach seiner Nominierung in der medialen Welt in für sie peinlicher Weise begrüßte. Schnell hat Köhler gezeigt, wer er ist. Unverbraucht frisch wirkte der im heutigen Polen geborene, nahe Leipzig und in Schwaben aufgewachsene spätere Finanzfachmann, der beim Internationalen Währungsfonds höchste Verantwortung trug. Nicht abgeschliffen durch den politischen Apparat, sondern beinahe spontan in einem ansonsten vielleicht zu diplomatischen und zu sehr durchorganisierten, beinahe unfreien Amt. Bescheidenheit war eine der Tugenden des Protestanten Köhler. Den Blick zu haben für das kleine und gering geschätzte, eine andere. Einmal speist er mit Obdachlosen in einer Berliner Tafel. Ein anderes Mal fährt er zur Behindertenolympiade. Symbolpolitik in einem Land, wo viele Fressen und wenige Moral zeigen? Die Menschen im Land sind dankbar für diese Gesten.

Welches sind die wahren Gründe?

Die Spekulationen über die eigentlichen Gründe des Rücktritts schießen ins Kraut: Sind es persönliche Gründe? Eine Krankheit? Oder war dieser Mann am Ende doch dünnhäutiger als Außenstehende erkennen konnten? Hat ihn mediale oder politische Kritik an seiner Amtsführung wirklich innerlich zerrissen? Aber reichen diese Vermutungen aus vor dem Hintergrund, dass ein Mann wie Köhler im Amtseid geschworen hat, seinem Vaterland zu dienen?

Welches sind die wahren Gründe für den Rücktritt? Das führt zu politischen Gründen, die man sich beinahe gar nicht niederzuschreiben traut: Gibt es einen Grund, den wir vielleicht nicht kennen? Die Finanzkrise vielleicht: Wer kann ausschließen, dass alles nicht noch schlimmer kommt? Köhler ist Fachmann auf diesem Gebiet. Hielt er den Milliardenschirm, gegen den die Reparationsleistungen des Versailler Vertrages harmlos wirken, vielleicht für politisch fragwürdig oder gar falsch? Wenn es sich so verhält, müsste man das den Bürgern jetzt klipp und klar sagen!

Und was bedeutet dieser Rücktritt für die politische Kultur in unserem Land? Ist es Zufall, dass binnen Tagen zwei Spitzenpolitiker den Bettel hingeschmissen haben? Nach Roland Koch nun auch Horst Köhler. Der Druck auf die Bundesregierung ist durch den Rücktritt Köhlers gestiegen! Deutschland ist in Europa zu wichtig und die politische Großwetterlage ist zu ernst, um sich solche Rücktritte leisten zu können. Dazu kommt: Das Vertrauen der Bürger in die Politik hat einen Tiefstand erreicht. Immer weniger gehen wählen, weil sie sich offensichtlich von den zu Wählenden nichts mehr erhoffen. Fragen über Fragen, in deren Dunkel die Zeit Licht bringen wird. In den Tagen nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten bleibt indes Köhlers Bitte: „Gott schütze dieses Land!“ Und er schütze Horst und Luise Köhler, die angetreten sind, ihm zu dienen.

(Der Autor, Dr. Matthias Schreiber (Düsseldorf), ist Beauftragter für die Kontakte zu Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Staatskanzlei von Nordrhein-Westfalen.)