19. Januar 2018

Wir müssen noch warten – 1. Korinther 13,10

Kleine Kanzel

„Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“
(1. Korinther-Brief 13,10)

Was wäre los, wenn sich plötzlich Politiker, Wissenschaftler vor aller Augen und Ohren eingestehen würden: „All unser Wissen, all unsere Erkenntnis ist nichts anderes als Stückwerk“? Man würde sie verwundert anschauen. Hatten sie nicht bisher stets behauptet, viel, ja immer mehr zu wissen? Und jetzt soll es plötzlich nur wenig sein, nur ganz begrenzt? Aber so etwas werden wohl auch nur ganz wenige Prominente tun, denn wer etwas auf sich hält, stellt nicht in aller Öffentlichkeit vornan, was unvollkommen ist, sondern das Gegenteil!

Sind Christen anders?
Er wird betonen, daß seine Partei, sein Institut, sein Unternehmen weniger Fehler macht als andere. Ist das bei Christen anders? Sie müßten doch besser als andere wissen, daß in dieser Welt alles unvollkommen ist! Und trotzdem pilgern immer mehr Christen von einer Gemeinde zur anderen. Hoffen sie etwa darauf, eine zu finden, die heute schon alles über Gottes Reich sagen kann? Immer mehr Christen wechseln ihren Ehepartner? Glauben sie etwa, einen zu finden, der ohne Makel ist? Christliche Unternehmer erwarten perfektionistische Mitarbeiter – und Mitarbeiter den perfekten Chef.

Vollkommenheitssucht
Streben sie nicht eigentlich alle nach einer Ich-Vollkommenheit? Die Worte des Paulus reißen uns förmlich heraus aus dem Strudel einer um sich greifenden Vollkommenheitssucht, die jede Beziehung krank macht und zerstört. Wer glaubt, es sei eine Schande, gegenüber sich selbst und anderen Unzulänglichkeiten einzugestehen, der irrt. Es scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben, daß auf dieser Erde keinem einzigen Menschen in allem, was er plant und vollbringt, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt werden kann – abgesehen von Jesus Christus, der gleichzeitig Gottes Sohn ist. Nur unser himmlischer Vater selbst wird einmal alles Bruchstückhafte zu einem Ganzen zusammenfügen. Und das Vollkommene wird kommen! Das ist uns in der Heiligen Schrift verheißen, daran dürfen wir getrost festhalten, und darauf dürfen wir uns auch freuen.

 
Erschienen in ideaSpektrum 31/32/2004, S. 30
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