21. Juli 2018

28 Jahre deutsche Geschichte

Quelle: jungefreiheit.de

Foto: Thomas Schneider/agwelt

Mathematisch Begabte haben herausgefunden, daß am Montag dieser Woche die Zeit nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 genau so lang ist wie die seit dem 13. August 1961, als der Bau der Mauer in Berlin begann, bis zu der von tausenden Ost-Berlinern erzwungenen Maueröffnung 1989. Interessant! Mir, der ich mich an meine Wut und Verzweiflung an diesem sommerlichen Sonntag noch sehr gut erinnern kann, kommt der erste Zeitabschnitt rückschauend deutlich länger vor als der zweite.

Das könnte mit den vielen stundenlangen Wartezeiten zusammenhängen, die ich – vor wie nach dem 13. August – als West-Berliner und späterer Bundesbürger bei Reisen in und durch die DDR an den Grenzkontrollstellen verbringen durfte. Solche quälenden Erinnerungen fehlen für die Zeit nach der Wende natürlich. Jetzt steht man nur noch „im Stau“ und das im Osten Deutschlands vielleicht sogar weniger als im Westen.

DDR änderte ihre Nationalhymne

Bei solchen Zahlenspielen darf man allerdings nicht vergessen, daß die Lage im geteilten Deutschland auch schon vor dem 13. August 1961 alles andere als zufriedenstellend war. Das merkte man vor allem in und um Berlin herum. Schon seit dem Sommer 1952 durften West-Berliner nicht mehr in die „Zone“ einreisen; nur der Ostsektor der Stadt war ihnen wegen der Vier-Mächte-Verwaltung Berlins noch zugänglich. Das endete nun auch einige Tage nach dem 13. August. Erst zwei Jahre später, zu Weihnachten und Neujahr 1963/64 konnten, im Rahmen einer „Passierschein-Regelung“, West-Berliner ihre Verwandten und Freunde im Ostsektor wenigstens für einige Stunden wieder besuchen.

Das politische Ziel des Mauerbaus war deutlich erkennbar: Das SED-Regime wollte nicht nur die eigene Bevölkerung daran hindern, die DDR zu verlassen. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen in Ost und West, das wegen der fast zwanglosen Begegnungsmöglichkeiten in Berlin noch weitgehend intakt war, sollte getroffen werden. Es war nur konsequent, daß die SED-Führung seit dieser Zeit den Text ihrer Nationalhymne, den auch ich in Potsdam noch in der Schule gelernt hatte, nicht mehr singen ließ. Da war nämlich noch von „Deutschland, einig Vaterland“ die Rede, dem man „zum Guten dienen“ wollte.

Der Schock des Mauerbaus führte im Westen Deutschlands in den 60er Jahren zu einem Umdenken in der Deutschlandpolitik. Die Politik der Nicht-Anerkennung des kommunistischen Regimes in Ost-Berlin war gescheitert. Wer jetzt noch etwas für die Einheit der Nation und für die Wiedervereinigung tun wollte, mußte die DDR-Führung als politischen Faktor zur Kenntnis nehmen, allerdings ohne sie völkerrechtlich als ausländischen Staat anzuerkennen.

Ehemalige SED-Sympathisanten gehören längst zum Establishment

Das war das Ziel der „neuen Ostpolitik,“ das ab 1969 von der Regierung Brandt/Scheel in Bonn energisch verfolgt wurde. Den „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“ erklärte das Bundesverfassungsgericht 1974 (unter Auflagen) für verfassungskonform. Zusammen mit dem Berlin-Abkommen von 1971 ermöglichte das Vertragswerk erhebliche Verbesserungen beim Ausbau der menschlichen Beziehungen über die Grenze hinweg.

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft infolge der friedlichen Revolution in der DDR war der Weg zur Wiedervereinigung durch Beitritt der DDR gemäß Artikel 23 Grundgesetz frei. Die Deutschen in den sogenannten neuen Bundesländern – die historisch betrachtet gar nicht so neu waren – brachten sich mit all ihren Kenntnissen, Erfahrungen und auch Emotionen in das wiedervereinigte, aber gegenüber 1945 deutlich verkleinerte Deutschland ein.

Damit scheinen Teile unserer politischen Klasse immer noch Probleme zu haben. Daß einige ehemalige DDR-Bürger noch die umbenannte SED wählten, nahm man ihnen kaum übel. Sie wußten es halt nicht besser. Außerdem hatte es ja auch im Westen immer einen Bodensatz von Hardcore-Sozialisten gegeben, die in der SED-Politik zumindest ein interessantes Experiment gesehen hatten. Diese taten sich nun mit den SED-Kommunisten zusammen. Heute gehören sie längst zum Establishment, das auf dem linken Auge gern blind sein darf.

Im Osten ist das Nationalgefühl viel stärker

Diese großzügige Betrachtungsweise endet allerdings, wenn Wähler sich erdreisten „rechts“ zu wählen. Dann ist Schluß mit lustig. Dann werden tiefenpsychologische Studien in Auftrag gegeben und Behandlungsmöglichkeiten in Schulen und politischer Bildung erörtert. Der Befund ist jedenfalls eindeutig: Das ist pathologisch.

Mein Befund ist ein anderer: Bereits in meiner beruflichen Tätigkeit als Präsident des Gesamtdeutschen Instituts fiel mir auf, daß das Nationalgefühl bei den Deutschen im Osten ausgeprägter war als bei vielen Westdeutschen. Letztere wollten oft nicht nur als Deutsche sondern vor allem als Europäer wahrgenommen werden. Das unterschied sie zwar auch von den meisten westeuropäischen Völkern, wurde aber nicht als Manko sondern als Auszeichnung empfunden und auf die Erfahrungen mit der deutschen Geschichte zurückgeführt. Man war eben politisch schon weiter.

Eine vergleichbare Entwicklung gab es jedoch weder in der DDR noch in anderen osteuropäischen Staaten. Hier war die Pflege der eigenen Nationalkultur das wichtigste Hilfsmittel gegen die Gleichschaltung im sowjetrussischen Imperium. Niemand in Ostmitteleuropa kam früher oder kommt heute auf die Idee, sich vor allem als Europäer zu definieren. Die Deutschen in den neuen Bundesländern sind da keine Ausnahme.

Nur ein Europa der Vaterländer hat Zukunft

Sie können manchen Westdeutschen aber als Vorbild dienen; denn sie haben längst erkannt, was viele noch lernen müssen: Europa kann nur erfolgreich und überlebensfähig sein, wenn es als Europa der Vaterländer (Charles de Gaulle) organisiert wird. Freuen wir uns also in diesen Tagen und seien wir dankbar, daß die Deutschen nun schon seit 28 Jahren wieder in einem Boot sitzen, und rüsten wir uns gemeinsam für die Kämpfe der Zukunft.