20. Juli 2018

Ist die evangelische Kirche noch Kirche?

Quelle: idea.de

Der Leiter des Gemeindehilfsbunds, Pastor Joachim Cochlovius. Foto: PR

Der Leiter des Gemeindehilfsbunds, Pastor Joachim Cochlovius. Foto: PR

Castell/Siegen/Bielefeld (idea) – Scharfe Kritik am geistlichen Zustand der evangelischen Kirche wurde auf Glaubens- und Besinnungstagen geübt, die der Gemeindehilfsbund (Walsrode) am 24. September an sechs Orten veranstaltete.

Daran nahmen nach Angaben des Veranstalters insgesamt rund 1.100 Christen teil. Widerspruch erfuhr vor allem das Pfarrdienstgesetz, das die EKD-Synode im vorigen November verabschiedet hatte. Es gibt den Landeskirchen die Möglichkeit zuzulassen, dass schwule oder lesbische Geistliche in eingetragenen Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus zusammenleben. Dies stehe im Widerspruch zum Wort Gottes, beklagte der Leiter des Gemeindehilfsbunds, Pastor Joachim Cochlovius (Walsrode), in einer Resolution, die an den Versammlungsorten mit großer Zustimmung aufgenommen wurde. An die EKD richte sich die Frage, welche Autorität die evangelische Kirche noch der Heiligen Schrift beimesse, so Cochlovius.

Bibel gegen Wortsinn ausgelegt

Bei der mit 400 Teilnehmern größten Versammlung in Castell (Unterfranken) sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Bekennender Christen (ABC) in Bayern, Pfarrer Till Roth (Redwitz/Oberfranken), jene Theologen, die die Bibel so verstünden, dass darin nur bestimmte missbräuchliche homosexuelle Praktiken abgelehnt und als Sünde bezeichnet würden, legten aus seiner Sicht die Bibel gegen ihren Wortsinn aus. Der historisch-kritische Umgang, in dem evangelische Geistliche ausgebildet würden, stelle das Wort Gottes in Frage. Der Prior der ökumenischen Kommunität „Offensive Junger Christen“, Dominik Klenk (Reichelsheim/Odenwald), sagte, Sexualität brauche die Ehe als Schutzraum. Wenn die Kirche Ehe in diesem Sinn aufgebe und lediglich – wie im Pfarrdienstgesetz – von „familiärem Zusammenleben“ rede, bleibe sie hinter ihrem Auftrag zurück.

Homosexualität ist „fehlgeleitet“

Vor etwa 275 Zuhörern in Siegen wies der Bremer Pfarrer Olaf Latzel auf das allgemein in der evangelischen Kirche anerkannte Augsburger Bekenntnis von 1530 hin. Kirche sei da, wo das Wort Gottes rein verkündigt und die Sakramente richtig verwaltet werden. Das sei beim Pfarrdienstgesetz mit seiner Öffnung für homosexuelle Lebensgemeinschaften nicht mehr der Fall. „Da hört die Kirche auf, Kirche zu sein“, erklärte Latzel. Homosexualität sei eine „fehlgeleitete“ und keine „zielführende“ Sexualität, die Leben schaffe. Dies treffe aber auch auf andere sexuelle Sünden zu, etwa auf den Konsum von Pornografie. Der Theologe rief Christen auf, Homosexuellen warmherzig zu begegnen. Gott sage Nein zur Sünde, aber Ja zum Sünder.

Kaiser: Kirche handelt gegen Gottes Wort

Die evangelische Kirche stecke in Deutschland seit Jahren in einer „tiefen Krise“, diagnostizierte der Theologe Bernhard Kaiser (Reiskirchen bei Gießen). „Es wird nicht nur gegen Gottes Wort geglaubt, sondern auch gehandelt; das nennt die Bibel Sünde“, sagte Kaiser. Er sagt eine wachsende Abwanderung von bibeltreuen Christen in Hausgemeinden voraus: „Wo Gottes Wort mit Füßen getreten wird, da werden Christen mit den Füßen abstimmen.“ Nach Ansicht des Berliner Religionspädagogen Rolf-Alexander Thieke macht sich die evangelische Kirche an Ehe und Familie schuldig, weil die Heilige Schrift nicht mehr durchgängig als bindende lebensdienliche Norm diene. So sähen manche Kirchenleiter Homosexualität als „Schöpfungsvariante“ an. Sträflich vernachlässigt werde die Seelsorge an Menschen, die unter ihrer Homo- oder Bi-Sexualität leiden.

„Kampf des Glaubens“ führen

In Bielefeld forderte der Leiter der Ahldener Bruderschaft, Pastor Burghard Affeld (Osnabrück), Christen auf, sich auf ihre eigene Beziehung zu Jesus Christus zu besinnen. „Es könnte sonst sein, dass wir über alle Beschäftigung mit den Verirrungen unsere persönliche Nachfolge vernachlässigen“, sagte er vor 120 Zuhörern. „Wir sind es nicht, die die Kirche retten“, so Affeld. „Gott wird sich dieser Kirche immer wieder annehmen.“ Auch die Frage des Kirchenaustritts wurde in den Versammlungen angesprochen. Wie der Präses des Evangelischen Gemeinschaftsverbands Siegerland-Wittgenstein, Manfred Gläser (Hilchenbach), in Siegen berichtete, fragten ihn oft Gemeinschaftsmitglieder, ob sie angesichts des moralischen Verfalls noch in der Kirche bleiben sollten. Überwiegend wurde der Austritt auf den Glaubens- und Besinnungstagen abgelehnt. Fürst Albrecht zu Castell-Castell riet, eine Wort-Gottes-Bewegung innerhalb der Kirche zu bilden. In Siegen plädierten Latzel und Thieke ebenfalls dafür, den „geistlichen Kampf des Glaubens“ innerhalb der Kirche zu führen.