19. September 2018

Was das Internet nicht kann: Vergeben und Vergessen

Quelle: idea.de

Jeffrey Rosen: Gespeicherte Daten sollten Verfallsdatum erhalten.

Jeffrey Rosen: Gespeicherte Daten sollten Verfallsdatum erhalten.

New York (idea) – Das Internet bietet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, aber eins kann es nicht: Vergeben und Vergessen.
 

Welche Probleme die Speicherung persönlicher Inhalte besonders in sozialen Netzwerken mit sich bringt, schildert der US-amerikanische Juraprofessor Jeffrey Rosen (Washington) in der Zeitung New York Times. Als Beispiele nennt er Personen, deren Karriere ruiniert wurde, weil sie in Netzwerken wie Facebook, MySpace oder Twitter kompromittierende Fotos – etwa als Betrunkene – eingestellt haben. So habe man einer 25-jährigen US-amerikanischen Lehramtsreferendarin den Abschluss verweigert, weil sie sich auf MySpace als „besoffene Piratin“ präsentiert habe. Dadurch animiere sie Schüler zum Alkoholkonsum. Einer 66-jährigen kanadischen Psychotherapeutin sei die Einreise in die USA verweigert worden, nachdem ein Grenzpolizist im Internet einen Artikel entdeckt habe, in dem sie ihre Experimente mit dem Rauschgift LSD vor 30 Jahren schildere. Einer Microsoft-Studie zufolge fahnden 75 Prozent aller Personalchefs in den USA im Internet nach Erkenntnissen über Bewerber. 70 Prozent haben bereits Kandidaten wegen negativer Online-Inhalte abgelehnt.

Facebook: 25 Milliarden Inhalte pro Monat

Rosen verweist auf die ungeheure Anzahl von Einträgen. Facebook habe 500 Millionen Mitglieder; sie verteilten jeden Monat 25 Milliarden Inhalte. Viele Internet-Daten stünden zeitlich fast unbegrenzt zur Verfügung. So habe die Bibliothek des US-Kongresses vor kurzem angekündigt, dass sie die gesamten Twitter-Einträge seit 2006 erwerben und dauerhaft speichern werde. Twitter hat 100 Millionen registrierte Nutzer.

Wie lernt das Internet zu vergeben?

Laut Rosen bedroht die Unfähigkeit des Internets zu vergessen die Kontrolle des Einzelnen über seine Identität und die Möglichkeit eines Neuanfangs. Er zitiert den an der Harvard-Universität (Cambridge/US-Bundesstaat Massachusetts) tätigen österreichischen Rechtsinformatiker Prof. Viktor Mayer-Schönberger. Dieser trete für die Tugend des „sozialen Vergessens“ ein. Es ermögliche dem Menschen, aus Erfahrung zu lernen und das Verhalten zu ändern. Hingegen fessele eine Gesellschaft, in der alles aufgezeichnet werde, den Menschen an seine Vergangenheit und mache es ihm unmöglich, ihr zu entfliehen. Ohne ein gewisses Vergessen werde auch Vergeben unmöglich. Mayer-Schönberger schlägt vor, Daten ein Verfallsdatum einzupflanzen, an dem sie sich selbst löschen. Einen Anfang habe bereits die Suchmaschine Google gemacht, wo alle Anfragen nach neun Monaten durch Löschen eines Teils des Internet-Protokolls anonymisiert würden. In diesem Zusammenhang plädiert Rosen auch dafür, eine Form des elektronischen Vergebens einzuführen. Der Bibel zufolge lösche Gott die Vergehen des reuigen Sünders. Dazu sei die digitale Welt bisher nicht fähig.