21. September 2018

Irak: Christen auch in autonomer Kurdenregion bedroht

Quelle: idea.de

Nach Angaben des Vorsitzenden des Ökumene-Ausschusses in der bayerischen Landessynode, Fritz Schroth, ist die christliche Minderheit radikalen Muslimen ein Dorn im Auge. Foto: PR

Nach Angaben des Vorsitzenden des Ökumene-Ausschusses in der bayerischen Landessynode, Fritz Schroth, ist die christliche Minderheit radikalen Muslimen ein Dorn im Auge. Foto: PR

Bischofsheim (idea) – Die vor Verfolgung in den Nordirak geflohenen Christen sind dort zwar weniger gefährdet als in anderen Landesteilen; doch ist ihre Sicherheit nicht gewährleistet.
 

Zu diesem Ergebnis kommt eine Delegation deutscher und Schweizer Kirchenvertreter, die die autonome Kurdenregion Ende Juli besucht hat. Zehntausende Christen sind in den vergangenen Jahren aus den südlichen Regionen nach Kurdistan geflohen, nachdem die dortige Regionalregierung den Minderheiten in ihrer Verfassung kulturelle und administrative Rechte gewährt hatte. In der Provinz Dohuk am Rande der Ninive-Ebene versuchen die Flüchtlinge, ein weitgehend normales Leben zu organisieren. Nach Angaben des Vorsitzenden des Ökumene-Ausschusses in der bayerischen Landessynode, Fritz Schroth (Bischofsheim/Rhön), ist die christliche Minderheit radikalen Muslimen ein Dorn im Auge. Die gute Bildung der Christen, die ihnen Vorteile auf dem Arbeitsmarkt verschaffe, sei häufig Anlass für Neidkampagnen. Die Haltung vieler unpolitischer Muslime sei zweideutig: Einerseits bezeichneten Imame den Islamismus als ihren größten Feind, andererseits weigerten sie sich aufgrund ihrer muslimischen Tradition, die einzige Frau der Kirchendelegation mit einem Handschlag zu verabschieden oder sich mit ihr fotografieren zu lassen. Einen Bombenanschlag auf christliche Studenten im Mai hätten vermutlich kurdische Muslime verübt. Dabei sei ein Mensch getötet und viele weitere verletzt worden. Die politische Unsicherheit bewirke, dass aus jedem Ort in Kurdistan eine kleine Festung geworden sei.

Immer auf der Flucht

Als Beispiel für die schwierige Lage der etwa 450.000 irakischen Christen nennt Schroth die Situation der armenisch-apostolischen Einwohner von Hawresk nahe der türkischen Grenze. In dem 1915 gegründeten Dorf lebten zunächst Armenier, die dem Völkermord durch die Türken entkommen waren. 1961 wurde Hawresk ohne Vorwarnung durch den damaligen Militärbefehlshaber im Nordirak und späteren irakischen Diktator Saddam Hussein bombardiert, um die Arabisierung der Kurdenregion voranzutreiben. Die Einwohner ließen sich in anderen Teilen des Irak nieder. Nach einer als islamkritisch aufgefassten Rede von Papst Benedikt XVI. 2006 brach über die Christen im Irak eine neue Welle der Gewalt herein. Viele Armenier verließen daraufhin ihre Wohngebiete im Süden des Irak und kehrten in ihr früheres Dorf Hawresk zurück, wo sie zunächst in den Ruinen der alten Schule wohnten. Ihrem Wunsch entsprechend beteiligten sich die bayerische und die württembergische Landeskirche an der Finanzierung eines Kirchbaus. Die deutschen Kirchen unterstützen die bedrängten Christen auch an anderen Orten bei der Errichtung von Wohnhäusern, Kirchengebäuden und eines Traumazentrums, in dem Gewalt- und Folteropfer erlittenes Unrecht verarbeiten können.

Irakische Christen dankbar für Solidarität

Am meisten schätzten die irakischen Christen Besuche von ausländischen Kirchenvertretern, so Schroth. Solche Beweise internationaler Solidarität und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit erleichterten Verhandlungen mit der kurdischen Regionalverwaltung. Außerdem zeige sie den Bedrängten, dass die Christenheit sie nicht vergessen habe. Zu den deutschen Mitgliedern der Delegation gehörten außer Schroth Oberkirchenrat Jens Nieper vom EKD-Kirchenamt in Hannover, der Ökumenereferent der bayerischen Landeskirche, Kirchenrat Thomas Prieto-Peral (München), Rudolf Bausch (Stuttgart) vom Ökumenereferat der württembergischen Landeskirche und die Flüchtlingsbeauftragte des Diakonischen Werks Hessen-Nassau, Ursula Schoen (Frankfurt am Main). Vor dem Golfkrieg 2003 lebten etwa 1,5 Millionen Christen im Irak. Seither verließen rund eine Million Kirchenmitglieder das Land. 15 bis 20 Prozent der rund 26,7 Millionen Iraker sind Kurden. 95 Prozent der Einwohner sind Muslime.