15. Oktober 2018

Kommentar: Wasser predigen – Wein trinken

Quelle: idea.de

Von: Wolfgang Polzer
 

Die EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover), hat kein Alkohol- sondern ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sie predige Wasser und trinke Wein, wird man der 51-Jährigen vorwerfen, nachdem sie sich am 20. Februar mit 1,54 Promille Blutalkohol, also betrunken, ans Steuer setzte und dabei erwischt wurde, wie sie in Hannover eine rote Ampel überfuhr. Ihr droht nun ein Strafverfahren, das eine Geld- oder schlimmstenfalls eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen könnte. Kein aufrechter Christ wird den Stab über die „Verkehrssünderin“ brechen, denn „wir sind allzumal Sünder“, wie der Apostel Paulus schreibt (Römer 3,23). Aber es bleiben Fragen.

Vorbestrafte Ratsvorsitzende?

Wie sieht es mit ihrer Vorbildfunktion aus? Schon ihre Scheidung im Jahr 2007 hat sie in den Augen mancher Kritiker in ihrer Funktion als Landesbischöfin belastet. Und wenn sie jetzt wegen eines Trunkenheitsdelikts verurteilt würde, wäre sie vorbestraft. Dieser Makel würde ihr im Gegenüber zu Politikern und anderen Kirchenführern anhaften. Zudem könnten ihre Worte künftig angesichts ihres Verhaltens als zu leicht empfunden werden. Im vorigen Jahr teilte sie in einem Spiegel-Interview mit, dass sie während der Passionszeit auf Alkohol verzichte. Auf die Frage, ob ihr das schwerfalle, antwortete sie: „Ja, ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann. Aber ich will das Fasten auch nicht zum Gesetz machen. Die alten Mönche hatten da wunderbare Ausnahmen, etwa den Sonntag und Zeiten ‚auf Reisen’.“ War die Alkoholfahrt eine solche Ausnahme oder ist ihr – was angesichts ihres Stresses nicht verwunderlich wäre – mehr als ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit geworden?

Klimasünderin Käßmann?

Hinzu kommt: Frau Käßmann saß am Steuer ihres Dienstwagens, eines VW Phaeton. Das Auto gilt, was den CO2-Ausstoß angeht, als einer der größten Klimaschädiger. Die schwerste Version pustet pro Kilometer 348 Gramm Kohlendioxid durch den Auspuff – etwa drei Mal so viel wie von Klimaschützern empfohlen – und die sparsamste Diesel-Variante mit 239 Gramm immer noch doppelt so viel. Nach der Kopenhagener Klimakonferenz im Dezember sagte Frau Käßmann: „Jeder von uns kann durch sein persönliches Verhalten etwas dazu beitragen“ – zum Absenken der Treibhausgasemissionen nämlich. Als Phaeton-(Bei)Fahrerin ist sie in dieser Hinsicht kein Vorbild.

Ist Käßmann gut beraten?

In den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit als EKD-Ratsvorsitzende hat Frau Käßmann so viele Schlagzeilen gemacht wie keiner ihrer Vorgänger, besonders mit ihrer Kritik am Militäreinsatz am Hindukusch. „Nichts ist gut in Afghanistan“, behauptete sie forsch in ihrer Neujahrspredigt. Vielleicht zu forsch? Hat die Passage keiner gegengelesen? Hat niemand in ihrem Umfeld gewagt, sie zu warnen oder ihr zu widersprechen? Frau Käßmann ist, so hat es den Eindruck, nicht gut beraten, wenn sich zu viele Ja-Sager und „Fans“ um sie scharen. Unter den Ratsmitgliedern fällt niemand auf, der ihr Paroli bieten wollte oder könnte. Das ist die Kehrseite der vielen verdienten Vorschusslorbeeren, mit denen Frau Käßmann bedacht wurde. Es ist zu befürchten, dass sie in aller Hektik des Alltags und der Doppelbelastung als Bischöfin der größten Landeskirche und als EKD-Ratsvorsitzende zu einer einsamen Frau geworden ist. Da ist das eine oder andere Glas Wein zwar ein schöner Genuss, aber ein schlechter Berater.