22. Juni 2018

Für Bildungs- statt Schulpflicht

Quelle: ideaSpektrum 5/2010, Seite 3 (www.idea.de, E-Paper)

GEORG A. PFLÜGER ist Vater von vier Kindern, Leiter der Deutschen Fernschule und der christlichen Friedrich-Wilhelm- Raiffeisen-Grundschule in Wetzlar (www.schulexpert.de)

GEORG A. PFLÜGER ist Vater von vier Kindern, Leiter der Deutschen Fernschule und der christlichen Friedrich-Wilhelm- Raiffeisen-Grundschule in Wetzlar (www.schulexpert.de)

Die USA gewähren einer deutschen Hausschul-Familie politisches Asyl
 

Liebe Leserin, lieber Leser,

es rauscht im deutschen Blätterwald: denn Familie Romeike, einer schwäbischen Hausschul-Familie aus Bissingen an der Teck, wurde in USA politisches Asyl gewährt. Wie soll man jetzt reagieren? Sich empören über die Amerikaner, die hier Diktaturen und unser deutsches Schulsystem auf eine Ebene stellen? Sich aufregen über Eltern, denen es anscheinend keine Schule recht machen kann und die deshalb ihre Kinder selbst, also zu Hause, unterrichten? Oder einfach mal versuchen, sich sachlich zu informieren? Wir alle kennen Eltern, deren Kindern es niemand wünschen würde, zu Hause auch noch unterrichtet zu werden. Lehrkräfte, deren Unterricht eine besondere Art von psychologischem Überlebenstraining darstellt, sind leider auch keine aussterbende Spezies. Und natürlich kennt auch jeder Musterfamilien und tolle Lehrerinnen oder Lehrer, die uns positiv fürs Leben prägten.

Muss der deutsche Staat hart sein?
So sind wir in dieser Debatte um Hausschulen geneigt, erst einmal unsere persönlichen Erfahrungen einzubringen. Und da bei uns fast niemand Erfahrungen mit Unterricht zu Hause hat, fallen die Urteile darüber schon allein mangels Vorstellungskraft eher kritisch aus. Je härter der Staat jedoch gegen diese wenigen Familien vorgeht, die weder saufen noch rauchen, ihre Kinder nicht schlagen oder vernachlässigen, sondern im Gegenteil sehr gut für sie sorgen und ihnen – durch Tests nachgewiesen – eine gute Bildung angedeihen lassen; je härter also der Staat diese weißen Schafe so blutig schlägt, dass sie das Land verlassen, desto mehr ordentliche Bürger fragen sich langsam: Muss das denn sein? Ist das nicht ein wenig übertrieben? Und man beginnt, sich mit dieser Thematik näher zu beschäftigen. Schnell wird klar, dass in Frankreich, Österreich, der Schweiz, England, Dänemark, Holland, Norwegen, Portugal, Australien und vielen anderen Ländern der Unterricht zu Hause generell erlaubt ist. Grundtenor: Die staatliche Überwachung beschränkt sich auf das Ergebnis der Bildung, lässt aber den Weg dahin frei (Bildungspflicht, aber keine Schulanwesenheitspflicht). Aha, anderswo geht es offenbar pragmatischer und weniger grob zu als bei uns. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass sich auch deutsche Wissenschaftler dieses Themas angenommen haben (z. B. Volker Ladenthin). Da wird unterstrichen, die öffentliche Schule habe eine wichtige Integrationsfunktion. Niemand bestreitet das. Aber warum sollen einige wenige nicht andere Wege gehen, wenn sie hinterher dieselben Prüfungen bestehen müssen wie der Rest? Und einschlägige Studien belegen nicht, dass Hausschul-Kinder dümmer und sozial inkompetenter wären. Eher im Gegenteil. Spätestens hier schüttelt der unvoreingenommene Bürger den Kopf und schließt: Hier ist etwas faul im Staate, nein, nicht Dänemark, sondern leider Deutschland.

Liebe Eltern …
Liebe Eltern: Unser Grundgesetz legt fest, dass der Staat zwar über die Erziehung wachen soll, sie aber „das natürliche Recht der Eltern und die ihnen zuvörderst obliegende Pflicht“ sei (GG Art 6). Auch die Bibel beauftragt die Eltern mit der Erziehung und nicht den Staat, auch keine öffentliche oder christliche Schule. Deshalb sollten wir, die wir gern und immer noch stolz im Land verbleiben, auf das Grundgesetz, die Bibel und unseren Altbundespräsidenten Roman Herzog hören, der das schlimmste Übel unserer Gesellschaft, nämlich den Verlust der Werte, so begründete: „Immer mehr Eltern geben ihren Erziehungsauftrag an die Schule ab.“ Liebe Eltern, wir tragen hier eine Verantwortung und haben einen Job zu tun – wo und wie auch immer.

Es grüßt Sie herzlich Ihr
GEORG A. PFLÜGER

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