24. September 2018

20 Jahre friedliche Revolution: Den 9. Oktober nicht vergessen

Quelle: idea.de

Bad Blankenburg (idea) – Wenn in diesem Jahr der friedlichen Revolution von 1989 gedacht wird, sollte nicht nur der 9. November besonders gefeiert werden, sondern auch der 9. Oktober. Das sagte der frühere Leipziger Superintendent Friedrich Magirius am 2. August bei der Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz im thüringischen Bad Blankenburg.
 

Für die Bürger in der ehemaligen DDR sei der 9. Oktober der entscheidende Tag gewesen. Damals seien allein in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren. Zu Vorwürfen, er selbst habe sich damals nicht deutlich genug von den politischen Machthabern distanziert, sagte Magirius, die Kirche habe hier und da auch Kompromisse machen müssen, weil sie sowohl für die Ausreisewilligen als auch für die „jungen Wilden“ verantwortlich gewesen sei, die unter dem Dach der Kirche Zuflucht gesucht hätten. Wenn Personen verhaftet wurden, seien häufig deren Angehörige gekommen und hätten die Kirche gebeten, sich beim Rat des Bezirkes für deren Freilassung einzusetzen. „Diese Verantwortung war die größte Last im Herbst 1989“, sagte Magirius.

Holmer: Deshalb habe ich Honecker aufgenommen

Der frühere Vorsitzende der Evangelistenkonferenz in der DDR und Leiter der Lobetaler Anstalten, Pfarrer Uwe Holmer, rief die Christen auf, dankbar für die 1989 gewonnene Freiheit zu sein. „Als Honecker Anfang Oktober 1989 sagte, die Mauer werde auch noch in 100 Jahren stehen, betete ich im Stillen: Schenk, dass er nicht recht hat“, erzählte er. Holmer war deutschlandweit bekannt geworden, weil er das Ehepaar Honecker im Februar 1990 bei sich aufnahm. Zu den Beweggründen erklärte Holmer, er und seine Mitarbeiter wären als Christen unglaubwürdig geworden, wenn sie im Vaterunser zwar beteten „Vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unsern Schuldigern“, Honecker und seine Frau dann aber abgewiesen hätten. Während des Aufenthaltes des ehemaligen Staatschefs habe er diesem auch erklärt, dass die Wiedervereinigung kein Zufall, sondern ein Geschenk Gottes gewesen sei. Darauf habe Honecker geantwortet: „Wenn Sie das so sehen.“ Noch im Krankenhaus vor dessen Ausreise nach Chile habe Holmer regelmäßig Kontakt zu Honecker gehabt und ihn auch auf die christliche Auferstehungshoffnung angesprochen.

Die friedliche Revolution hat gezeigt: Die Bibel hat Recht

Der Chefredakteur der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, Helmut Matthies (Wetzlar), sagte, die friedliche Revolution habe gezeigt, dass die Bibel Recht habe. „Im Lobgesang der Maria heißt es: Du stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebst die Niedrigen. Und genau das haben wir 1989 erlebt“, sagte er. Zu keiner anderen Zeit seien so viele Christen in der Politik gewesen wie nach der friedlichen Revolution in den östlichen Bundesländern. Matthies bedauerte, dass 20 Jahre später Umfragen zufolge 49 Prozent der Ostdeutschen sagten, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Angesichts von sechs Millionen von der Stasi überwachten Bürgern, 250.000 Inhaftierten, 400 Hinrichtungen und 1.000 Mauertoten hätten auch Christen die Aufgabe deutlich zu machen, dass die DDR eine Diktatur und ein Unrechtsstaat war. So sollten sie beispielsweise am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Wiedervereinigung, nicht nur Lob- und Dankgottesdienste veranstalten, sondern auch Erinnerungsstunden anbieten. Gudrun Ehlebracht (Bielefeld), 2. Vorsitzende des Treffens Christlicher Lebensrechtsgruppen, rief die Christen auf, das Geschenk der Wiedervereinigung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gerade Kinder und Jugendliche stünden in der Gefahr, dieses Wunder Gottes aus dem Blick zu verlieren, weil sie es nicht miterlebt hätten.

Swoboda: Warum werden nur „Westlieder“ gesungen?

Der Evangelist und Liedermacher Jörg Swoboda (Buckow) bedauerte, dass Lieder christlicher Liedermacher aus der DDR bis heute in den alten Bundesländern kaum gesungen würden. Bei großen Musikfestivals träten bis heute fast ausschließlich Liedermacher aus den westlichen Bundesländern auf. Selbst auf CD´s christlicher Musikverlage suche man Titel von Liedermachern aus dem Osten meist vergebens. Die Allianzkonferenz steht in diesem Jahr unter dem Thema „Abenteuer Gemeinde“.