27. Juli 2017

Gemeinde droht Gastwirt wegen AfD-Stammtisch

Quelle: jungefreiheit.de

Speisegaststätte Dernbacher Haus Foto: Facebook/Dernbacher Haus

von Harald Melzer

Räume an die AfD zu vergeben ist für Gaststätten und Hotels ein Ritt auf einer Rasierklinge. Dabei umfaßt die Bandbreite sowohl Boykottaufrufe als auch tätliche Angriffe und Zerstörungen. Noch bedenklicher ist allerdings, wenn eine Gemeinde Aufrufe gegen einen Gastronom auf Facebook und ihrer Homepage veröffentlicht.

Genau das passierte jetzt dem Wirt der „Waldgaststätte Dernbacher Haus“ in Dernbach bei Annweiler in der Pfalz, Frederik Fink. „Die Ortsgemeinde Dernbach distanziert sich ausdrücklich von der Ausrichtung des Stammtisches der AfD am Mo. 03.07.2017 auf dem Dernbacher Haus“, schrieb der dortige Bürgermeister Harald Jentzer (parteilos). „Wir Dernbacher lehnen auch klar die Inhalte ab, welche die AfD repräsentiert. Wir stehen für eine offene und menschenfreundliche Gesellschaft, ohne Ausgrenzung und treten für ein Miteinander aller Rassen, Kulturen und Religionen ein.“ Die Veranstaltung der AfD könne man zwar juristisch nicht verhindern, man werde aber seinen Protest dagegen zum Ausdruck bringen.

Rege Diskussion auf Facebook

Zuvor hatte der AfD-Kreisverband „Südliche Weinstraße“ Räumlichkeiten in der Waldgaststätte gebucht. In einem Telefongespräch soll Jentzer Fink gedroht haben: „Ich werde als Bürgermeister von Dernbach alles tun, um diese Veranstaltung zu verhindern. Ich werde die Verbandsgemeinde und das Landratsamt informieren. Ich werde nicht dulden, daß in meinem Dorf so eine Veranstaltung stattfindet.“

Gegenüber der JUNGEN FREIHEIT sagte Fink nach der Veranstaltung, die wie geplant stattfinden konnte: „Ich lasse mich nicht in eine Ecke stecken. Ich danke meinen Gästen aus allen politischen Lagern, die zu einer Deeskalation beigetragen haben. Bei der NPD war von Politik und Gesellschaft klar: Wer der Partei Räume vermietet, bekommt Ärger. Bei der AfD weiß man das bis jetzt nicht.“

Sowohl auf der Facebook-Seite des Dernbacher Hauses, aber auch auf der Homepage der Gemeinde entwickelte sich daraufhin eine rege Diskussion. Die Sympathiekundgebungen für den Wirt sind zahlreich. Zwar gab es vereinzelt Unterstützung für den Ortsbürgermeister, überwiegend wurde aber kritisiert, daß Jentzer die Seite der Gemeinde für seinen Protest mißbraucht habe.

Bürgermeister beklagt „Hate Speech“

So schrieb ein Nutzer: „Ein Gastronom soll in seinem Handeln nicht politisch verurteilt werden, solange alles in einem gesetzlichen Rahmen abläuft. “ Andere Nutzer unterstützten den Bürgermeister: „Ich hatte Herrn Fink am Donnerstag schon geschrieben, daß ich keinen Schritt mehr in diese Hütte mache, jetzt wo ich ahne, daß sich dort ‚braune Soße‘ befindet. Hut ab vor Herrn Jentzer. Schade, daß man aufs Dernbacher Haus nun verzichten muß. Hut ab vor dem Bürgermeister!!!!“

Ein Nutzer berichtet nach der Veranstaltung auf der Seite des Dernbacher Hauses: „Ich war mit dabei. Dort waren Freunde, ehemalige Geschäftspartner, Bekannte und einfach nette Leute, die sicherlich absolut mit braunem Gedankengut nichts, aber auch gar nichts, am berühmten Hut haben, dabei. Ich habe Flagge gezeigt, so sagt man doch, wenn man solch eine dämliche Aktion gegen eine Bürgerbewegung und einen Gastwirt persönlich gesehen hat.“ Sechs Polizeibeamte hätten für Ruhe gesorgt. „War eigentlich eine Lehrstunde, wie man öffentliche Steuergelder verbrennen oder einfach in eine Tonne versenken kann.“

Jentzer beklagte gegenüber der JUNGEN FREIHEIT den Stil der Auseinandersetzung: „Ich bin so schockiert, was für Haßreden auf der Facebook-Seite der Gemeinde kamen.“ Auf die Frage nach Screenshots und juristischen Schritten sagte Jentzer, daß er bisher noch keine Anzeige erstattet habe. Einer Diskussion ohne Polemik, auch mit Angehörigen der AfD, stehe er jederzeit offen gegenüber.

Künftig keine Parteiveranstaltungen mehr

Der Gastronom, der selbst keiner Partei angehört, stellte bei Gesprächen mit Kollegen fest, daß seine Erfahrungen von Wirten in ganz Deutschland geteilt werden. „Gastronomen sind Gastgeber für alle Arten von Veranstaltungen. Ausschlaggebend für uns ist, daß wir weder kriminelle noch verfassungsfeindliche Organisationen beherbergen wollen. Aber darüber hinaus müssen wir jede Art von Veranstaltung annehmen.“ Fink zieht aus dieser Erfahrung Konsequenzen. Er wird künftig grundsätzlich sein Lokal nicht mehr für Parteiveranstaltungen öffnen. Nicht bevor ein verbindlicher Verhaltenskodex für Gastronomen vorliege.