11. Dezember 2017

Wo bleibt der Appell zur Abwehr, zum Kampf?

Quelle: jungefreiheit.de

von Karlheinz Weißmann

Zweiundzwanzig Tote. Zweiundzwanzig. Vor allem Kinder und Jugendliche, die einem Selbstmordattentäter in Manchester zum Opfer fielen. Ein weiterer Terrorakt in der nicht abreißen wollenden Anschlagskette, die seit zwei Jahrzehnten Europa heimsucht.

Die Reaktionen sind die üblichen. Die Regierung warnt vor Vorverurteilungen und wiederholt zum zigsten Mal, daß „absolute Sicherheit“ nicht möglich sei, die Experten erklären bedeutungsschwer, welche Zusammenhänge möglicherweise mit irgendwelchen Ereignissen am anderen Ende des Planeten bestehen. Alle Welt bekundet ihre Trauer, und die Sozialen Netzwerke schwirren von den widersprüchlichsten Botschaften. Die Stimme des Nachrichtensprechers klingt anfangs etwas belegt, aber dann hat er sich wieder im Griff, kein Mensch kommt auf die Idee, den Musikteppich abzustellen, der im Hintergrund läuft.

Gleichgültigkeit

Das am häufigsten benutzte Wort, um die eigene Gemütslage zu erklären, ist: „Betroffenheit“. Aber es handelt sich nur um eine Konvention, eine Chiffre. Denn Anschläge wie der in Manchester machen in Wirklichkeit nicht „betroffen“, sie betreffen uns nicht, weil diejenigen, die getroffen sind, mit uns nichts zu tun haben, und wir nicht glauben, daß wir zu treffen sind.

Insofern verfehlt der Terror die Wirkung, die er eigentlich haben will: „Schrecken“ verbreiten, eine Art Angststarre auslösen, in der die einzelnen vereinzelt und wehrlos nur noch auf den entscheidenden Schlag warten, dem man nicht entgeht, ganz gleich, ob schuldig oder unschuldig. Es hat sich eine Gelassenheit verbreitet, die nichts mit überlegener Ruhe zu tun hat, sondern Gleichgültigkeit ist.

Eine Mischung aus der Annahme, daß man selbst in keiner konkreten Gefahr steht und der Vorstellung, daß das Leid der Opfer zwar bedauerlich sein mag, sich aber im Grunde nicht von dem anderer unterscheidet, die eine Naturkatastrophe auslöscht. In Manchester war es eben kein Tornado, keine Springflut, keine Lawine, sondern ein entschlossener Mann im Besitz einer Nagelbombe.

Soziale Atomisierung

Diese Haltung unterscheidet sich radikal von derjenigen, die die Menschen während des Terrors in den „Bleiernen Jahren“ an den Tag legten, als die Mörder keine fanatisierten Moslems, sondern fanatisierte Linke waren. Niemals haben Aktionen der RAF, der Roten Brigaden, der Action Directe, der ETA den Tod so vieler Unbeteiligter nach sich gezogen wie dieses eine Attentat von Manchester. Trotzdem waren die Reaktionen ungleich heftiger, und sie waren kollektive. Die soziale Atomisierung hatte längst nicht den Grad erreicht, den man heute in den „offenen Gesellschaften“ als Normalität betrachtet.

Ein Mord an irgendeinem Politiker, Beamten, Wirtschaftsführer, Polizisten, von irgendeinem Kommando begangen, wurde grundsätzlich als Angriff auf das Ganze betrachtet. Es klärten sich sofort die Fronten: hier die große Mehrheit der Anständigen, unerbittliche Gegner des Terrors, da die einflußreiche und wortgewaltige Minderheit der „Halbverrückten“ (Stefan Dietrich), die aus ihrem Wohlwollen für Baader, Meinhof, Ensslin, Raspe etc. keinen Hehl machten. Man wußte, wo man stand, und man wußte auch, daß man nicht allein war, mit der Forderung nach scharfem Durchgreifen, nach Trockenlegen des „Sympathisantensumpfs“, nach: Vergeltung.

Kein Appell zur Geschlossenheit

Die Hitze der damaligen Reaktion und die Kühle der heutigen haben etwas mit Vitalitätsverlust zu tun. Man fügt sich in das Unvermeidliche, weil es unvermeidlich ist. Kein Appell zur Geschlossenheit, zur Abwehr, zum Kampf. Eigentlich gar keine Anerkennung der Tatsache, daß man sich im Kampf befindet. Wenn die britische Innenministerin von einem „barbarischen Akt“ spricht, ist die Feststellung richtig, aber nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist, daß der Prozeß der Dekadenz in der westlichen Welt die Abwehr der Barbaren fast unmöglich gemacht hat. So ähnlich unsere Lage derjenigen des späten Rom auch sein mag. In einem haben wir es schwerer: „die Barbaren stehen schon diesseits des Limes“ (Alasdair MacIntyre).