12. Dezember 2017

Wir sind nicht Burka! Immerhin.

Quelle: jungefreiheit.de

Karlheinz Weißmann, Foto: Thomas Schneider/agwelt

von Karlheinz Weißmann

Wir sind nicht Burka! Immerhin. Der Satz ziert den Umschlag der aktuellen Ausgabe von Bild am Sonntag, auf Schwarz-Rot-Gold, daneben der halbe Kopf des Innenministers, von dem er stammt. Denn Thomas de Maizière hat sich Gedanken über die „deutsche Leitkultur“ gemacht. Und daß die mit der Burka nicht kompatibel ist, erscheint ihm selbstverständlich. Selbstverständlich, weil eine Kultur auf Selbstverständlichkeiten beruht, ungeschriebenen Regeln, die die Ganzkörperverhüllung hierzulande nicht vorsehen.

Man kann dem zustimmen, so wie auch den meisten anderen Feststellungen, die de Maizière in seinen zehn Thesen getroffen hat: daß der Händedruck zum Miteinander zählt (These 1); daß Bildung (These 2) und Leistung allgemein als wünschenswert betrachtet werden (These 3); daß wir „Erben unserer Geschichte“ (These 4) und eine Kulturnation sind (These 5); daß Religion grundsätzlich positiv gewertet, aber den staatlichen Belangen untergeordnet wird (These 6); daß man hierzulande stark konsensorientiert ist (These 7); daß der Patriotismus nicht in Hybris umschlagen soll (These 8); daß wir ein Teil des Westens sind, trotz der geographischen Mittellage (These 9); daß es bestimmte Orte und Daten gibt, die das „kollektive Gedächtnis“ prägen (These 10).

Viele Punkte bleiben begrifflich und inhaltlich unscharf

Was allerdings auffällt, ist nicht nur das Fehlen jeder Hierarchie in diesen Aussagen, sondern auch die begriffliche oder inhaltliche Unschärfe an entscheidenden Punkten. Natürlich kann man beim Nein zur Burka auf breite Zustimmung setzen, aber vielleicht sollte man auch einmal klären, wie deutsch die Neigung blond-blauäugiger Frauen ist, die Bordsteinschwalbe zum Modevorbild zu machen. Und wenn de Maizière das „Wir“ als Staatsbürgernation definiert (und er offenbar den Hinweis für nötig hält, daß nicht jeder zufällig Anwesende als Teil des „Wir“ betrachtet werden kann), dann genügt es kaum, summarisch von den „Höhen und Tiefen“ der gemeinsamen Geschichte zu sprechen.

Da wäre erstens nicht nur zu klären, was denn „gemeinsam“ erlebt wurde, da bleibt es zweitens etwas dünn, in bezug auf die „Höhen“ lediglich die Werke Bachs und Goethes sowie die Wiedervereinigung zu nennen und in bezug auf die „Tiefen“ bloß auf „ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels“ zu verweisen. Man wüßte doch gern, wie es mit der Glanzzeit der Staufer und den Waffentaten der Garde bei Gravelotte steht und ob zu den Abgründen nicht auch die „viehisch spanisch servitut“, die Raubkriege des großen Ludwig gegen unseren Westen und die Vertreibung der Deutschen im Osten gehören. Und was die „Verwurzelung“ angeht, die de Maizière für notwendig hält, reichen sicher nicht die „Marktplätze unserer Städte“, die Heimeligkeit von Orten, Gerüchen (!), Dialekten und der Karnevalsumzug.

Ablenken und Flankenschutz nach rechts geben?

Selbstverständlich verfolgt der Innenminister mit seiner Wortmeldung kein theoretisches Interesse, sondern ein aktuelles. Ihm geht es vielleicht um Ablenkung vom neuerlichen Versagen seiner Behörden, sicher um Flankenschutz für die Bundeskanzlerin nach rechts (die gerade den Doppelpaß gelobt hat) und natürlich darum, die drängende Frage zu klären, wie man jene Masse von Fremden, die „hier eine Bleibeperspektive haben“, in das nach wie vor bestehende Ganze einordnen könnte. Die naheliegende Antwort lautet: Gar nicht. Aber die kann der Minister nicht geben.

Also versucht er es mit dem Griff in die Mottenkiste spätbundesrepublikanischer Politdebatten. Denn daher stammt die „Leitkultur“. Schon als das Wort Ende der neunziger Jahre in Umlauf gesetzt wurde, war klar, daß es sich wie bei „Verfassungspatriotismus“ um ein Surrogat handelte, um den Versuch, etwas als Ersatz für das anzubieten, was eigentlich eine Nation ausmacht: jenes „spezifische Pathos“ (Max Weber), das die einzelnen erfaßt, wenn sie an das denken, was die Vorfahren taten, welche Herausforderungen sie in der Gegenwart bestehen, welche Ziele sie in der Zukunft erreichen wollen. Solches Bewußtsein erzeugt den Stolz auf das eigene So-Sein, das alle großen Völker der Geschichte erfüllt hat.

Relativismus liefert keinen Ansporn

Denn das „Wir“ kann sich eben nicht als „Wir“ verstehen, wenn man ihm erklärt, daß es „nicht besser oder schlechter“ als andere ist. Relativismus liefert keinen Ansporn, übrigens auch keinen Ansporn für diejenigen, die nicht „schon länger hier leben“, sich anzuschließen und anzupassen. Denn im Kern geht es um Begriff und Sache, die de Maizière sorgsam meidet: Es geht um Identität. Identität steht für Eindeutigkeit und selbstverständlich für die Überzeugung von der Vorzüglichkeit des Eigenen. Das ist es, womit man Nationen in Form bringt. Das und nichts anderes.