25. September 2017

Können Christen AfD-Mitglieder sein?

Quelle: jungefreiheit.de

Vorsitzende der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“, Anette Schultner, Foto: Facebook

von Thorsten Brückner

Kann man als Christ Mitglied der AfD sein? Dieser Frage ging der am Donnerstag beginnende Evangelische Kirchentag in Berlin mit einer Podiumsdiskussion nach. Daran teil nahmen der Landesbischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, die Vorsitzende der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“, Anette Schultner, und die Journalistin Liane Bednarz, die als Expertin in die Sophienkirche im Bezirk Mitte geladen war.

Dröge stellte klar, er wolle niemandem das Christsein absprechen. Es gehe ihm um glaubwürdiges Christentum. „Glaube heißt Vertrauen. Wie bringen Sie das zusammen mit so viel Mißtrauen, das aus Ihrer Partei gegenüber Fremden geäußert wird“, fragte Dröge an Schultner gerichtet. Christliche AfD-Mitglieder würden in der Partei als Feigenblatt mißbraucht für eine Politik, die dem christlichen Menschenbild zuwiderlaufe. Schultner wies den Vorwurf zurück, ihre Partei schüre Ängste. „Die Menschen haben Angst vor der Islamisierung“, sagte sie unter Buhrufen von Teilen des Publikums.

Dröge: Christenverfolgung nicht dramatisieren

Ein Blick in islamische Länder, in denen Christen verfolgt werden, zeige, daß solche Ängste nicht unbegründet seien. Dagegen wandte Dröge ein, man dürfe Christenverfolgung auch nicht dramatisieren.

Bednarz warf der AfD Scharfmacherei vor, indem sie so tue „als gebe es eine Islamisierung“. Minarette und Moscheebauten seien keine Islamisierung, sondern Ausdruck von Religionsfreiheit. Bednarz bestritt auch, daß es sich bei der AfD überhaupt um eine konservative Partei handele. Der Lebensentwurf der Parteivorsitzenden Frauke Petry, die geschieden und wiederverheiratet sei, widerspreche ihrem persönlichen traditionellen Familienbild.

Auch beklagte die Publizistin antisemitische Tendenzen in der Partei. Als Beispiel führte sie den AfD-Politiker Wolfgang Gedeon an, der trotz mehrerer von ihm verfaßter Bücher mit teils antisemitischem Inhalt auf dem Bundesparteitag als Delegierter auftreten konnte. Zudem sei das von der AfD geforderte Schächtverbot als Angriff auf die jüdische Gemeinde in Deutschland zu interpretieren. „Ihr Programm läuft darauf hinaus, daß Tiere hier leben können, aber Juden nicht.“

Streit ums christliche Familienbild

Scharf ging Schultner mit der evangelischen Kirche ins Gericht: „Die Kirche agitiert als Political Player, will aber weiterhin den Respekt als Kirche haben.“ Sie wünsche sich eine theologisch machtvolle Kirche, keine politische. Zugleich wies sie auf die christlichen Aspekte im Grundsatzprogramm der Partei hin. Die Bibel habe ein klares Familienbild – das von Vater, Mutter, Kind. Dazu stehe auch die AfD.

Dröge widersprach: Man könne nicht sagen, daß ein bestimmtes Familienbild das christliche sei. Außerdem gehe es dabei ohnehin nicht um das Kernthema des Evangeliums. Dröge bekräftigte nochmals seine bereits am Mittwoch auf einer Pressekonferenz geäußerte Ablehnung von Gesprächen mit AfD-Vertretern. Diesen ginge es nicht um sachliche Diskussionen, sondern um Provokation. Mit Schultner als seiner „Schwester im Glauben“ zu diskutieren, betrachte er hingegen als seine Pflicht.

Immer wieder unterbrachen Störer aus dem Publikum die Diskussion mit Zwischenrufen, besonders wenn Schultner das Wort ergriff. Über 100 Interessierte hatten keinen Platz mehr in der Kirche gefunden und hörten die Veranstaltung über Lautsprecher von draußen.