24. Mai 2017

Polizei fahndet nach verdächtigen Tunesier

Quelle: jungefreiheit.de

Foto: Thomas Schneider/agwelt

Foto: Thomas Schneider/agwelt

BERLIN. Im Falle des Anschlags auf einen Berliner Weihnachtsmarkt fahndet die Polizei europaweit nach einem Tunesier. Unter dem Fahrersitz des Sattelschleppers hätten die Ermittler eine Duldungsbescheinigung gefunden. Diese sei auf einen tunesischen Staatsbürger namens Anis A. ausgestellt, der 1992 in Tatauoine geboren sein soll, berichtet die Berliner Zeitung. Er soll zudem neben der Identität Ahmed A. noch unter acht weiteren aufgetreten sein, berichtet die Rheinische Post.

Nach Informationen der Rheinischen Post suchten 150 Polizisten im Raum Emmerich in Nordrhein-Westfalen nach dem Verdächtigen, da eine dortige Asylunterkunft die letzte bekannte Adresse des Gesuchten sei. Die großangelegte Polizeiaktion verzögerte sich wegen Schreibfehlern in den Beschlüssen, wodurch diese ungültig waren.

Ein Asylverfahren des Tunesiers wurde im Juni abgelehnt. Im Sommer soll er wegen gefährlicher Körperverletzung aufgefallen sein. Weil er untergetaucht war, habe er nicht angeklagt werden können, berichtet die Bild-Zeitung. Er sei den Behörden seit Januar 2016 als sogenannter Gefährder bekannt, da er in ein großes Islamisten-Netzwerk eingebettet sei. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen wurde seine Telekommunikation überwacht.

Kontakte zum Hildesheimer Haßprediger Abu Walaa

Der Focus berichtet, daß A. zur Gruppe um den inzwischen inhaftierten Hildesheimer Haßprediger Abu Walaa gehöre. Diese warb nicht nur für den bewaffneten Kampf des IS, sondern plante laut Ermittlungen auch Überfälle auf Polizeistationen sowie fingierte Notrufe, um Polizeibeamte in einen Hinterhalt zu locken.

Ein verdeckter Ermittler des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts gab an, daß Anhänger des Predigers davon sprachen, einen Lkw mit Sprengstoff in eine Menschenmenge zu steuern. Das Terrorwetzwerk soll sich zudem Waffen mit Schalldämpfern mit dem Erlös aus Einbrüchen beschafft haben.

Verdächtiger saß in Abschiebehaft

Nach Angaben der Tagesschau reiste Anis A. 2012 nach Italien und kam im Juli 2015 über Freiburg nach Deutschland. Im April 2016 habe er einen Antrag auf Asyl gestellt.

Vertrauliche Unterlagen, auf die sich Spiegel Online beruft, belegen, daß der verdächtige Tunesier am 30. Juli unter Verantwortung der Ausländerbehörde Kleve in Abschiebehaft gebracht wurde. Eine Ausweisung sei allerdings an fehlenden Papieren gescheitert. Tunesien habe bestritten, daß es sich um einen tunesischen Staatsbürger handele. Man habe also auf vorläufige Paßersatzpapiere aus dem Land warten müssen. „Die Papiere sind heute aus Tunesien eingetroffen“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) in einer Erklärung.

Der Name des Verdächtigen tauchte im November das letzte Mal im zentralen Informationssystem des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) von Bund und Ländern auf, da das Landeskriminalamt NRW ein Verfahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat initiiert hatte.

Attentäter womöglich verletzt

Die Ermittler gehen davon aus, daß der Attentäter verletzt ist. Außerdem seien im Fahrerhaus des Lkw DNS-Spuren gesichert worden. Die Polizei suchte deshalb in den vergangenen Stunden sämtliche Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg ab.

500 Hinweise aus der Bevölkerung

Die Hinweise auf den Täter werden unabhängig davon immer konkreter. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt hatte am Dienstag abend von bislang 500 Hinweisen aus der Bevölkerung gesprochen. 80 davon verfolgten die Ermittler weiter. Zudem war die Polizei mit Suchhunden am Tatort im Einsatz und es gebe Videoaufzeichnungen.

„Die Ermittlungen laufen auf vollen Touren und ich bin guter Dinge, daß wir zu einem Erfolg kommen“, sagte Kandt. Am Mittwoch nachmittag will das Bundeskriminalamt über weitere Erkenntnisse informieren.

Der Vorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, hatte in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner Spezial“ am Dienstag abend bekräftigt: „Ich bin relativ zuversichtlich, daß wir vielleicht schon morgen oder in naher Zukunft einen neuen Tatverdächtigen präsentieren können.“ Vieles könne derzeit nicht verraten werden, aber es gebe „gute Hinweise“ und „sehr viele Ansatzpunkte“.

Gegenüber der ARD bestätigte das Bundeskriminalamt unterdessen, daß Hacker am Dienstag abend für zweieinhalb Stunden das Hinweisportal des BKA lahmgelegt hatten. Auf www.bka-hinweisportal.de können Zeugen Fotos und Videos hochladen. „Die umgehend eingeleiteten Gegenmaßnahmen haben gegriffen. Das Hinweisportal ist seit 19:30 Uhr gestern wieder erreichbar“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Polnischer Fahrer kämpfte mit Terrorist

In dem Sattelschlepper kam es offenbar zu einem Kampf zwischen dem Terroristen und dem polnischen Lastwagenfahrer Lukasz U. Eine Obduktion der Leiche des Fahrers hat nach Bild-Informationen ergeben, daß der Pole bis zum Attentat am Leben war.

„Es muß einen Kampf gegeben haben“, sagte ein Ermittler. Der Täter soll mehrmals auf Lukasz U. eingestochen haben, weil der Pole ins Lenkrad gegriffen habe, um Opfer zu vermeiden. Als der Angreifer den Sattelschlepper stoppte, soll er den 37 Jahre alten Lkw-Fahrer mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen haben und davongelaufen sein.

IS beansprucht Anschlag für sich

Die islamistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) hat sich zu dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche bekannt. Das berichtet das als Nachrichtenagentur getarnte Sprachrohr der IS, Amak. Ein erster Verdächtiger wurde am Montag abend zwei Kilometer vom Tatort entfernt festgenommen, ist Dienstag abend wieder freigelassen.

„Die bisherigen Ermittlungsergebnisse ergaben keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten“, sagte der Generalbundesanwalt. Der Mann habe zwar umfangreiche Angaben gemacht, aber eine Tatbeteiligung bestritten. (ls/mec/gb)