19. Oktober 2017

Libyen: „Einer der gefährlichsten Orte für Christen“

Quelle: OpenDoors

Foto: opendoors.de

Foto: opendoors.de

(Open Doors, Kelkheim) – In der anhaltend anarchischen Lage nach der Revolution 2011 ist Libyen für Christen eines der gefährlichsten Länder der Welt. Das geht aus einem aktuellen Bericht von Open Doors International hervor. Analyst Yonas Dembele beschreibt darin die Entwicklungen in dem nordafrikanischen Land und die Situation für die christliche Minderheit.

Fünf Jahre Chaos

Die Kirche in Libyen besteht beinahe vollständig aus ausländischen Christen. Bis auf geschätzt 150 Christen, die libyscher Herkunft sind, kommen alle Christen des Landes aus anderen afrikanischen Staaten. Die etwa 25.000 sind größtenteils Flüchtlinge auf dem Weg in den Norden und nach Europa. Bereits unter der Regierung des Diktators Muammar al-Gaddafi war die Kirche nicht frei, ihren Glauben zu leben – laut dem Bericht hat sich die Situation jedoch stark verschlimmert. Dieser Monat markiert den fünften Jahrestag des Falls von Gaddafi. Rebellen setzten den langjährigen Herrscher im Zuge des „Arabischen Frühlings“ ab, zwei Monate später wurde Gaddafi getötet. Trotz großer Hoffnungen für das Land hat sich die Situation für Christen in Libyen seitdem verschlechtert: Die instabile politische Lage war ein geeigneter Nährboden für extremistische muslimische Kräfte, die stark an Einfluss gewannen.

Verfolgung und Diskriminierung alltäglich

Dabei werden Christen nicht nur von den organisierten islamistischen Milizen bedrängt: In dem Bericht heißt es, dass Christen auch von der normalen Bevölkerung Belästigungen und Verfolgung erleben müssten. Zwei ausländische Christen berichten von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung und Verfolgung: Ein 29-jährige Nigerianer gibt an, auf offener Straße mehrfach bedrohliche Situationen erlebt zu haben. „Einmal wurde ich attackiert, weil ich ein Kreuz trug. Die Männer sagten, ich sollte es verdecken.“ Ein ägyptischer Kopte, der in den Händen der islamistischen Gruppierung „Libyan Shield Force“ war, wird ebenfalls zitiert: „Sie drohten uns, unsere Köpfe abzutrennen, und zeigten uns ihre Schwerter. […] Ich wurde in ein Badezimmer gebracht, das ich putzen sollte, und ein Mann drückte meinen Kopf in die Toilette und setzte sich auf mich.“ Einige Christen fürchten, dass es Bestrebungen gebe, „die Christen in Libyen vollständig auszulöschen.“ Auch Amnesty International hat die Lage der Christen in dem nordafrikanischen Land aufgegriffen und schreibt in einem Bericht: „Insbesondere christliche Migranten und Flüchtlinge in Libyen sind von Übergriffen durch bewaffnete Gruppen, die ihre Interpretation des islamischen Rechts durchsetzen wollen, bedroht. Menschen aus Nigeria, Eritrea, Äthiopien und Ägypten wurden wegen ihrer Religion entführt, gefoltert und umgebracht.“

Einheitsregierung lässt Christen hoffen

Anlass zur Hoffnung gibt die international anerkannte Einheitsregierung, die im Januar gebildet wurde und im Frühjahr ihre Arbeit aufnahm. Sie will das Land einen und Recht und Ordnung wiederherstellen. Da die Feindseligkeiten zwischen den größten bewaffneten Gruppen nun beigelegt sind, ist laut dem Bericht zu hoffen, dass auch die Angriffe gegen Christen der Vergangenheit angehören. Doch auch in der Einsetzung der Einheitsregierung sieht Dembele Gefahren: Wird die neue Regierung die Anliegen der christlichen Minderheit ernst nehmen? Oder könnte versucht werden, radikale Gruppierungen mit in die Gesetzgebung einzubeziehen, um das politische und gesellschaftliche Klima zu beruhigen? Christen könnten so sogar einer „staatlich verordneten und institutionalisierten Unterdrückung“ entgegenblicken. Dennoch hofft Dembele darauf, dass die Einheitsregierung sich Autorität verschaffen kann: „Auch wenn [Recht und Ordnung im Land] nicht unbedingt Religionsfreiheit für Christen bedeuten würde, könnten diese Umstände die Christen weniger verwundbar gegenüber Angriffen machen.“

Auf dem Open Doors Weltverfolgungsindex rangiert Libyen aktuell an zehnter Stelle unter den Ländern, in denen Christen weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt werden.

Quellen: Open Doors, World Watch Monitor

Die PDF-Version dieser Open Doors Nachrichten finden Sie hier.