17. Oktober 2017

Rotherham: Der Ideologie geopfert

Quelle: jungefreiheit.de

Foto: Thomas Schneider/agwelt

Foto: Thomas Schneider/agwelt

von Thorsten Hinz

Sechzehn Jahre lang wurden in der nordenglischen Stadt Rotherham Kinder und Jugendliche – zumeist Mädchen – bandenmäßig mißbraucht und vergewaltigt. Die Gesamtzahl der Opfer beläuft sich auf 1.400. Die Täter stammen aus dem muslimischen Pakistan, ihre Opfer sind weiß. Das ethnisch-religiöse Gefälle muß betont werden, weil es für die Täter ein Auswahlkriterium war. Im Kulturkreis, dem sie entstammen, gelten Frauen als zweit-, weiße Frauen sogar als drittklassig.

Die Kinder und Jugendlichen wurden auf verschiedene Art gefügig gemacht und mit Drohungen zum Schweigen verpflichtet. Doch nicht alle haben geschwiegen, sondern sich den Behörden anvertraut. Seit 2005 waren den staatlichen Stellen die organisierten Verbrechen bekannt. Und hier beginnt der zweite Skandal: Weder die Polizei noch die Sozialeinrichtungen griffen ein. Die Opfer wurden zurückgewiesen, verhöhnt, erneut zum Schweigen gebracht. Die organisierte Kriminalität beherrschte auch die Innereien des Staates. Das Motiv war bizarr: Polizisten und Sozialarbeiter fürchteten den Vorwurf des institutionalisierten Rassismus. Nicht nur Deutschland ist von Sinnen, Großbritannien ist es auch.

Das Land, das noch vor hundert Jahren über ein Weltreich gebot und die globalen Regeln diktierte, das sich als Ursprungsland der Demokratie und bürgerlichen Freiheit feiert, das zweimal gegen Deutschland in den Weltkrieg zog, angeblich um die Zivilisation vor der Barbarei zu retten, besitzt heute weder die moralische noch materielle Kraft, die eigenen Kinder vor der tiefsten Entwürdigung durch Barbaren zu schützen. Und das alles, ohne eine totale Niederlage erlitten zu haben. Das ist wahrlich kein Grund zur Schadenfreude, denn darin kommt eine mächtige Tendenz zum Vorschein, die ganz Europa betrifft und seine Existenz bedroht.

Am Anfang stand eine verfehlte Einwanderungspolitik

Am Anfang stand ebenfalls die verfehlte Einwanderungspolitik. Was für Deutschland die Schuldfixierung, waren für Großbritannien die postimperialen Illusionen, in deren Zeichen sich seine moderne Einwanderungsgeschichte vollzog. 1948 verabschiedete die Regierung mehrere Gesetze, die den Bewohnern Großbritanniens und des Commonwealth das Gewohnheitsrecht als gleichberechtigte Untertanen der britischen Krone bestätigte. Alle Bewohner des in Auflösung begriffenen britischen Weltreiches besaßen das faktische Recht, nach Großbritannien einzureisen und sich hier niederzulassen. Die Einheitlichkeit der Staatsbürgerschaft galt als einigendes Band, mit dem London weiterhin die Commonwealth-Länder meinte beeinflussen zu können.

Das politische Kalkül ging einher mit liberalen Überzeugungen, die es der britischen Führung verboten, aus Rassen-, Religions- und kulturellen Unterschieden eine Ungleichbehandlung im Staatsbürgerschafts- und Reiserecht abzuleiten. Es herrschte der Glaube vor, die eigenen Überzeugungen und die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Strukturen ließen sich durch eine enge Anbindung auf die unabhängig gewordenen Länder und ihre Bewohner übertragen. Es handelte sich um einen reinen Elitenpaternalismus, denn die Erfahrungen mit der einsetzenden Masseneinwanderung waren ganz andere. Doch fehlten die Kraft und der Wille, um Konsequenzen zu ziehen. Statt dessen wurde 1968 ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet, das die Benachteiligung von Farbigen durch Hausbesitzer, Arbeitgeber, Vermieter, Hotelbetreiber sowie Versicherungen mit Strafen belegte.

Ein einseitig ausgeübtes Faustrecht wird zum stärksten Argument

Längst bestimmen weniger imperiale Phantome, sondern die Furcht vor Anschlägen und Gewaltausbrüchen die Politik. Ihre ideologische Grundlage bildet das Ideal des Multikulturalismus, das den liberalen Gleichbehandlungsgrundsatz radikalisiert. Seine Propagandisten behaupten, die kulturellen und religiösen Unterschiede durch Sozialtechnik einebnen oder wenigstens neutralisieren zu können, so daß ein liberaler und rechtsstaatlicher Konsens entstehe.

In der Wirklichkeit zerfällt die Gesellschaft in Parallelgesellschaften, die ihr Verhältnis ständig neu austarieren. Unausgesprochen bildet ein einseitig ausgeübtes Faustrecht das stärkste Argument. Der ideologisch infizierte Staat versucht, durch soziale Zuwendungen und demonstrative Blindheit gegenüber Gesetzesbrüchen sich das Wohlverhalten der Parallelkulturen zu erkaufen, gibt damit aber seine Schwäche und Erpreßbarkeit zu erkennen. Auch die gemordeten Seelen der vergewaltigten Kinder und Jugendlichen sind als staatliche Opfergaben auf dem Altar des Multikulturalismus zu verstehen. Die Götter aber dürsten weiter …

Ein „Rotherham“ in noch größerem Maßstab ist möglich

Durchgesetzt wird diese unmenschliche Logik mit dem Unterdrückungssystem der Politischen Korrektheit, das sich vom Wahrheitsanspruch verabschiedet hat und Fakten, Statistiken und Aussagen ausschließlich nach seiner systemischen Brauchbarkeit bewertet. Ein ehemaliger Unterhausabgeordneter für Rotherham räumte das offen ein: Es habe eine „Kultur“ gegeben, „die besagte, laßt uns nicht allzusehr das Boot des multikulturellen Zusammenlebens ins Schwanken bringen“.

Die Instrumente des Systems heißen Einschüchterung, Angst und Isolationsfurcht. Damit nähert es sich tendenziell dem Totalitarismus an. Es ist naiv, die totalitäre Gefahr ausschließlich in der Negation des Liberalismus – Kommunismus, Nationalsozialismus und neuerdings Islamismus – zu erblicken. Der Liberalismus ist durchaus in der Lage, eine eigene Spielart des Totalitarismus zu generieren, sich mit anderen Spielarten zu verbinden und „Rotherham“ in noch größerem Maßstab möglich zu machen.

JF 37/14