14. Dezember 2017

Die Bibel ist nicht wichtig?

Quelle: gemeindenetzwerk.org

Pfarrer Wolfgang Sickinger. Foto: gemeindenetzwerk.org

Pfarrer Wolfgang Sickinger. Foto: gemeindenetzwerk.org

von Pfr. Wolfgang Sickinger

In Heft 2/2014 des „Deutschen Pfarrerblattes“ schreibt Hochschulpfarrer Dr. Michael Seibt (Tübingen) unter der Überschrift „Allein die Schrift“ einen Aufsatz mit 18 „Thesen zum Bibelverständnis im 21. Jahrhundert“. Er will den reformatorischen Grundsatz „Allein die Schrift“ für die heutige evangelische Kirche nicht mehr gelten lassen. Die biblischen Texte seien „menschliche Berichte von den Eindrücken Gottes in ihrem Bewusstsein“ und „nicht an objektiven Tatsachen interessiert“ (These 7). Die Bibel lehre keinen verbindlichen Glaubensinhalt, sondern könne als „Strom menschlicher Gedanken über Gott“ betrachtet werden (These 10), genauso wie andere Texte anderer Religionen (These 11). Ein solches „undogmatisches Bibelverständnis“ (These 12) bedeute, dass es nicht um „Gottes Wort“ gehe, sondern dass „jeder einzelne Leser der Bibel in eigener Entscheidung einem Wort der Bibel seine Zustimmung gebe“ (These 14) oder nicht. Aufgrund der „heutigen Kenntnisse von der Evolution des Lebens und der Entwicklung des Universums“ könne man die alten biblischen Texte nur noch „symbolisch“ und als „Sprache des Mythos“ lesen. Sie entspräche nicht „den heutigen Kriterien für historische Verlässlichkeit“. Der kirchliche Bezug auf die Bibel stehe „gegenwärtigen Gotteserfahrungen“ im Wege. Kirche müsse sich verändern und solle sich das „Miteinander … auch unterschiedlicher Religionen“ wie „in einem offenen Haus vorstellen, in dem es mehrere Zimmer gibt. die man ungehindert betreten, wechseln und sich darin nach Belieben aufhalten kann“.

Sind diese Behauptungen nur die Meinung eines einzelnen Pfarrers, dem das „Deutsche Pfarrerblatt“ aus Freude an der Provokation Raum gegeben hat?

Vermutlich steckt doch mehr dahinter. Immerhin beruft sich Seibt auf den Theologen Friedrich Schleiermacher im 19. Jahrhundert und auf gegenwärtige Theologieprofessoren wie Hubertus Halbfas und Claus-Peter Jörns. Er könnte sich aber auch auf zahlreiche Prediger, Theologen und Kirchenleiter berufen, die die Bibel genauso miss-verstehen, wie er es propagiert.

Eine jahrzehntelange Entwicklung in der evangelischen Kirche trägt ihre faulen Früchte: Die Bibel gilt nicht mehr als das offenbarte geschriebene Wort Gottes in der Gestalt menschlicher Worte, sondern als antike Sammlung orientalischer Phantasiegeschichten, aus denen man sich das eine oder andere Rosinchen für den Gebrauch im 21. Jahrhundert herauspicken kann – oder eben auch nicht. Dabei unterscheidet sich die Bibel nach dieser Auffassung nicht grundsätzlich von anderen religiösen Schriften. Auch der Koran, Goethe oder moderne Esoteriker können Bedenkenswertes an die Menschen vermitteln, wie auch gelegentlich Mose, die Psalmen oder Jesus.

Wer nun einwendet, in Gottesdiensten werde doch immer noch aus der Bibel gelesen und auf Kirchentagen beginne der Tag mit Bibelarbeiten, sollte darauf achten, unter welcher Vorgabe die Bibel zur Kenntnis genommen wird. Häufig wird sie in die Zwänge eines neuen Dogmas gepresst wie es zum Beispiel Pfarrer Seibt im „Deutschen Pfarrerblatt“ tut.

Dieses Dogma lautet: Wir müssen die Bibel mit dem Filter der kritischen Rationalität und des wissenschaftlichen Kenntnisstandes des 21. Jahrhunderts lesen. Nur das, was vor diesem menschlichen Urteil Bestand hat, kann als Bibelwort in das moderne Denken eingefügt werden und mehr oder weniger Bedeutung für moderne Christenmenschen gewinnen.

Nach diesem Dogma werden in den Gemeinden Predigten gehalten und an den Universitäten Vorlesungen und Seminare. In Synoden und Kirchenleitungen werden Beschlüsse gefasst, die unausgesprochen oder sogar erklärtermaßen auf diesem Dogma beruhen. Es heißt dann, dass die Bibel die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht im Blick haben konnte und dass deshalb bestimmte Folgerungen für die Kirche zu ziehen seien. [Weiterlesen]