22. September 2017

Erster Weltkrieg: „Deutschland war nicht der Schurke“

Quelle: jungefreiheit.de

Buchtitel – Die Schlafwandler. Foto: jungefreiheit.de

Buchtitel – Die Schlafwandler. Foto: jungefreiheit.de

Herr Professor Clark, den Spiegel macht „mißtrauisch, daß Ihre Position an die nationalkonservativer deutscher Historiker erinnert“. Sind Sie etwa ein Deutschen-Freund?

Clark: Deutschland ist mir sympathisch, ich spreche Ihre Sprache, bin gerne hier zu Besuch. Aber prodeutsch im Sinne einer doktrinären Haltung bin ich nicht.

Wieso bezweifeln Sie dann Deutschlands Alleinschuld am Ersten Weltkrieg?

Clark: Oh, von Alleinschuld spricht sicher niemand, nicht mal die eingefleischtesten Anhänger der Fischer-Schule.

Der Historiker Fritz Fischer löste in den sechziger Jahren eine Debatte um die Kriegsschuld aus, die „Fischer-Kontroverse“. Noch mal der Spiegel: „In der Kontroverse gab er Deutschland die Alleinschuld.“

Clark: Tatsächlich hat sich die Fischer-These als eine Art Orthodoxie eingebürgert, aber meist nicht in einer radikalen Form, sondern als Light-Version. Diese lautet bei meinen anglophonen Kollegen etwa so: Russen, Franzosen oder Briten haben Dummheiten gemacht – doch nur die Deutschen wollten den Krieg und nur sie haben ihn herbeigeführt.

In Deutschland gilt allerdings meist die radikale Variante. Von einer ZDF-Redakteurin etwa wurde Ihnen vorgeworfen, Sie „nehmen Deutschland zu sehr in Schutz“.

Clark: Ganz und gar nicht, ich benenne Deutschlands Mitverantwortung klar und deutlich. Aber es ist schon seltsam: Nur in Deutschland wird einem vorgeworfen, man sei dem Land zu freundlich gesinnt. Nur hier gilt das als anrüchig.

Inwiefern?

Clark: Ich erinnere mich an eine Diskussion in Berlin zum Thema Preußen. Danach kam eine sehr nette, gebildete, ältere Dame auf mich zu: „Herr Clark, Sie scheinen uns Deutsche zu mögen.“ „Na ja“, erwiderte ich, „warum auch nicht?“ Sie: „Weil wir so schrecklich sind!“ Ich glaube, so etwas wird Ihnen in keinem anderen Land der Welt passieren.

Ihr Buch ist in Deutschland ein Verkaufsschlager. Vielleicht weil es im Gegensatz zur herrschenden Haltung steht und provoziert?

Clark: Das wäre möglich. Allerdings hat es auch in England beleidigte Verrisse produziert, Motto: „Wir wissen, wer am Ersten Weltkrieg schuld ist! Was erzählt dieser Clark da?“ Ich selbst habe in der Schule noch gelernt, die Großmächte hätten sich 1914 gegen Deutschland nur solidarisiert, weil dieses provoziert habe.

Und so war es nicht?

Clark: Das Ganze ist viel komplexer. Rußland etwa verbündete sich auch deshalb mit Frankreich, weil es fürchtete, London könne sich mit Berlin zusammentun. Und London suchte die Nähe zu St. Petersburg nicht, um Deutschland einzuschüchtern, sondern um Persien und Indien gegen Rußland abzusichern.

Das Fazit Ihres Buches lautet: Das Deutsche Reich war 1914 nicht der Schurke, als der es gerne dargestellt wird.

Clark: Nein, Deutschland trug zwar zur Entstehung des Krieges bei und trägt folglich eine Mitschuld, aber mehr nicht. Es gab keine deutsche Verschwörung zum Krieg. Deutschland wollte Großmacht sein, deshalb verhielt es sich wie eine Großmacht. Die deutsche Politik blieb völlig im Rahmen der Zeit.

Aber griff Deutschland nicht nach der Weltmacht?

Clark: Richtig ist, daß es eine deutsche „Weltpolitik“ proklamierte. Resultat waren ein paar Kolonien im Pazifik und in Afrika. Im ganzen sehr dürftig. Kein Vergleich zu den etablierten Weltmächten. Ich frage meine Studenten gern: Was war der Unterschied zwischen der damaligen britischen und der deutschen Flotte? Die britische war stets im Einsatz, die deutsche dagegen kaum. Das gleiche gilt für die britische und deutsche Armee.

JF-Buchdienst: Christopher Clark – Die Schlafwandler

Prof. Dr. Christopher Clark, Spezialist für preußische Geschichte, lehrt an der Universität Cambridge. Bereits mit seinen 2007 und 2008 auf deutsch erschienenen Büchern „Preußen. Aufstieg und Niedergang“ und „Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers“ sorgte Clark für Aufmerksamkeit. Sein jetzt erschienenes Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ hat international eine neue Debatte über die Rolle des Deutschen Reichs geführt. Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT.