11. Dezember 2017

„Freude des Glaubens“

Quelle: ead.de

Foto: Jan Kowalski/pixelio.de

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Wenn sich jetzt nicht die evangelische Kirche ändert … Zum ersten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus: von Helmut Matthies

Selten wurde das Lehrschreiben eines Kirchenoberhauptes so häufig in den Medien mit „revolutionär“ umschrieben wie das erste allein von Papst Franziskus bestimmte über die „Freude des Glaubens“. Denn hier stellt er tatsächlich vieles „auf den Kopf“ (so die Tageszeitung „Die Welt“), was bislang als unumstößlich galt. Sogar im Blick auf sein Amt als Papst – eines der größten Hindernisse für mehr Ökumene – schreibt er von einer Neuausrichtung. Wenn er äußert, allein die „persönliche Begegnung mit Christus“ sei „der Grund der Kirche“, ist das Evangelium pur! Wenn er fordert, keine Angst davor zu haben, historisch gewachsene „Normen“ „zu revidieren“, geht es um nichts weniger als eine grundlegende Reform seiner Kirche.

Genau wie die Evangelische Allianz

Und wenn er die Einheit der Christusgläubigen wünscht, ist das nichts anderes, als was die Evangelische Allianz seit ihrer Gründung 1846 fordert. Ob der Papst seine Ansichten umsetzen kann, ist angesichts der Kirchen in Lateinamerika oder Polen, die katholischer sind als viele Päpste, noch höchst ungewiss. Auch ist ungeklärt, was er unter Normen versteht, die änderbar seien. Gilt das auch für unbiblische Dogmen wie das von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“?

Wird es Übertritte geben?

Das Signal jedoch, das Papst Franziskus mit seinem Lehrschreiben sendet, dürfte zur größten Herausforderung des verunsicherten Protestantismus werden, ist er sich doch nicht einmal darin einig, was in dem allen Kirchen gemeinsamen Apostolischen Glaubensbekenntnis gilt oder nicht. Wenn es jetzt nicht zu einer Reformation vieler evangelischer Kirchen kommt, werden sich vermutlich immer mehr Noch-Protestanten fragen: Ist es nicht besser, in eine Kirche überzutreten mit dem auferstandenen Christus als Mittelpunkt, als in einer formal evangelischen zu bleiben, wo Christus oft nur noch als Vorbild gilt? Da nimmt dann mancher ein bisschen mehr Maria und ein paar Heilige in Kauf. Die große Faszination jedenfalls, die sowohl Benedikt XVI. mit seinen bibeltreuen Jesusbüchern als auch sein überzeugend auftretender Nachfolger nicht nur auf die Treuesten der Treuen in der Volkskirche – die Evangelikalen – ausübt, sollte die Kirchenleitungen höchst unruhig werden lassen.

Jesus ist auch für Reiche da!

In einem freilich kann der Papst von den deutschen Christen lernen. Sosehr seine scharfe Kritik am Kapitalismus verständlich ist aufgrund seiner südamerikanischen Herkunft und der dortigen sozialen Ungerechtigkeit, sosehr kann die Alternative nicht nur in einer „Kirche der Armen“ bestehen. Wer soll sich denn um die Armen kümmern, wenn nicht die, die nicht arm sind? Jesus ist auch für die Reichen gekommen! Und eine Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus gibt es: Es ist die soziale Marktwirtschaft, die sich in der Bundesrepublik bestens bewährt hat.

[Der Autor, Helmut Matthies, ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar)]