20. September 2017

Der Welthit aus Oberndorf

Quelle: jungefreiheit.de

Foto: Thomas Schneider/www.agwelt.de

Foto: Thomas Schneider/www.agwelt.de

von Markus Brandstetter

Die Legende geht so: Die Mäuse hätten den Blasebalg der Orgel zerfressen, weshalb die Christmette ohne Instrumentalbegleitung stattfinden sollte. Aber zum Glück gibt es diesen rührigen jungen Hilfspfarrer, der Gitarre spielt und dichtet. Um die Lage zu entschärfen, schreibt er am 24. Dezember 1818 noch schnell ein Kirchenlied und rennt dann zum Organisten, der in Windeseile eine Melodie dazu erfindet. Damit ist der Abend gerettet und das bekannteste Weihnachtslied der Welt geboren.

Das ist eine schöne Geschichte, leider stimmt sie nicht. Die Orgel war in einem schlechten Zustand, aber durchaus noch spielbar, der dichtende Hilfspfarrer hatte seine unsterblichen Verse bereits zwei Jahre zuvor verfaßt, und der Komponist folgte in seiner Melodie einem bewährten Muster. Was ist also wirklich geschehen? Da wäre zunächst der dichtende Hilfspfarrer, Joseph Mohr, ein kleiner, bleicher Mann, früh schon an Tuberkulose erkrankt, lebenslang kränkelnd und kurzatmig, was ihn nicht daran hindert, Pfeife zu rauchen. Mohr stammt aus allerärmlichsten Verhältnissen. Er wird am 11. Dezember 1792 in Salzburg als drittes Kind einer Strickerin geboren, die vier uneheliche Kinder von ebenso vielen Männern zur Welt bringt. Mohrs Vater ist ein desertierter Soldat, den er nie kennenlernen wird. [Weiterlesen]