24. Oktober 2017

Das nachchristliche Zeitalter ist angebrochen

Quelle: ead.de

Michael Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Foto: Thomas Schneider

Michael Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Foto: Thomas Schneider

Allianzvorsitzender: Ein Netzwerk engagierter Christen ist nötiger denn je

Bad Blankenburg (idea) – In Deutschland ist das „nachchristliche Zeitalter“ angebrochen. Eine christlich begründete Grundübereinstimmung in der Gesellschaft gehört weithin der Vergangenheit an. Gleichzeitig wird das „christliche Lager“ äußerst unübersichtlich: Neben den beiden Großkirchen finden sich Freikirchen, Gemeinschaften, Vereine, Hauskreisgemeinden und andere Gemeindeformen. Über die Aufgaben der Deutschen Evangelischen Allianz angesichts dieser Entwicklung sprach deren Vorsitzender, Präses Michael Diener (Kassel), am 26. September in Bad Blankenburg (Thüringen). In seinem Bericht vor dem Hauptvorstand dieser Dachorganisation von Evangelikalen aus Landes- und Freikirchen zeigte er sich überzeugt, dass ein Netzwerk engagierter Christen noch nie so nötig gewesen sei wie heute. Als eine Minderheit werde man die Herausforderungen nicht bestehen, „wenn wir alle nur unsere jeweiligen, mehr oder weniger kleinen Brötchen backen“. Die Evangelische Allianz wurde 1846 in London gegründet und ist damit der älteste protestantische Zusammenschluss. Heute gelte es, verstärkt dazu beizutragen, dass Gemeinden gestärkt und ein gesellschaftsrelevantes Christentum gelebt werde, sagte Diener. Im Hauptberuf steht er als Präses dem Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften) vor.

Attraktive Modelle von Ehe und Familie leben

Diener appellierte an die Evangelikalen, angesichts einer zunehmenden Vielfalt von Lebensformen attraktive Modelle von Ehe und Familie vorzuleben und zu unterstützen. Die umstrittene Orientierungshilfe des Rats der EKD zu Ehe und Familie, die von der traditionellen Ehe als alleiniger Norm abrückt und ein erweitertes Familienbild einschließlich gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften und sogenannter „Flickenteppich-Familien“ vertritt, sei ein Teil der Gender Mainstreaming-Bewegung. Sie propagiert eine Gleichschaltung der Geschlechter und hat laut Diener einen Siegeszug in großen Teilen der westlichen Welt angetreten. Zwar existierten in evangelikalen Milieus noch weithin klassische Familienvorstellungen; sie würden aber in der nachwachsenden Generation deutlich weniger nachvollzogen.

Das Kernproblem liegt im Bibelverständnis

Die Orientierungshilfe sei jedoch nicht nur Gegenstand ethischer, sondern auch theologischer Kritik. Sie lasse die Frage, wie die Bibel zu verstehen sei, als eigentliches Grundproblem evangelischer Theologie aufleuchten. Das Bibelverständnis, das sich in der Orientierungshilfe zeige, sei von einem historisch-kritischen Umgang mit der Heiligen Schrift bestimmt. Theologische Aussagen würden letztlich nur noch aus Sicht des Menschen und damit auch aus der jeweiligen Zeit getroffen. Biblische Inhalte verlören damit ihre zeitlose Gültigkeit.

Rechtsextremismus-Vorwürfen wehren

Diener ging auch auf die zunehmenden Vorwürfe angeblicher rechtsextremistischer Tendenzen in der Allianz und einigen mit ihr verbunden Werken ein. Immer häufiger werde im gesellschaftlichen und kirchlichen Raum eine Verbindung zwischen vermeintlicher Homophobie – der Feindseligkeit gegen Homosexuelle – und evangelikalen Gruppen sowie politischem Extremismus hergestellt. Es gelte, solchen Äußerungen argumentativ zu widersprechen und den demokratischen Standpunkt der Evangelikalen zu betonen. Eine ablehnende Haltung gegenüber praktizierter Homosexualität dürfe nicht zu einer derartigen Einstufung führen. Gleichzeitig müsse die Allianz nach innen allen Tendenzen wehren, die in Gefahr stünden, durch Positionen etwa zu Ausländern oder zur Toleranz christlichen und demokratischen Boden zu verlassen, so Diener.