20. August 2017

Evangelischer Kirchentag: Fazit von Michael Diener

Quelle: ead.de

Dr. Michael Diener. Foto: Thomas Schneider

Dr. Michael Diener. Foto: Thomas Schneider

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz zum Kirchentag (idea)

Viel mehr, als ich brauche

Viel, viel mehr, als ich brauche, ist mir beim diesjährigen 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag angeboten worden. Das ist keine Kritik, sondern das nüchterne Eingeständnis, dass es bei über 2.500 Veranstaltungen in runden 90 Stunden „den Kirchentag“ gar nicht geben kann. Stattdessen regieren ganz individuelle Eindrücke: „mein Kirchentag“ eben. Mit Recht spricht das diesjährige Kirchentagsmotto „Soviel Du brauchst“ (nach 2. Mose 16,18) deshalb auch jeden Einzelnen persönlich an. Mich hat – wie immer – auch bei diesem Kirchentag ganz Unterschiedliches bewegt:

Ein reicher Strauß geistlicher Erfahrungen

Wer sich etwa auf den Rhythmus des Kirchentages mit Morgen-Mittags-Abend-Nachtgebeten einlässt – und viele tun das! –, wer die Bibelarbeiten, Feierabendmahle, offenes Singen und gottesdienstliche Werkstätten besucht, kann mit einem reichen Strauß geistlicher Erfahrungen und beschenkender Gemeinschaft wieder nach Hause fahren. Das Vorurteil, beim Kirchentag gehe es „nur“ oder „vor allem“ um Politik, ist so falsch wie unausrottbar.

Einzigartige Einblicke in den evangelischen Glauben

Oder ich staune über die vielen Menschen, die sich mit ganzer Hingabe für die Berufung einsetzen, die ihnen aus der Fülle des Evangeliums wichtig geworden ist. Der „Markt der Möglichkeiten“ gewährt einen einzigartigen Einblick in die Vielfalt evangelischen Glaubens und Lebens. Dass da vereinzelt für mich auch Un-Mögliches vertreten wird, darf doch nicht den Blick verstellen für die vielen wertvollen Initiativen und Einrichtungen, darunter auch so manche aus dem Bereich des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und der Deutschen Evangelischen Allianz, die sich hier mit viel Kreativität und ganzem Einsatz präsentieren.

Der Kirchentag ist eine Basisbewegung

Ja, es ist immer auch der Kirchentag der Promis im Allgemeinen und der Politiker im Besonderen. Aber abgesehen davon, dass auch dort wirklich Hörenswertes mitzunehmen ist, sind selbst bei überfüllten „Promihallen“ noch fast 100.000 Dauerteilnehmende an anderen Orten zu finden. Und sie sind oft viel mehr geleitet durch ihr Interesse an konkreten Fragen und Themen, denn an bekannten Namen. Kirchentag – das ist eine Basisbewegung der Kirchengemeinden, des CVJM und der Pfadfinder, der Chöre und Ehrenamtlichen, die ihresgleichen sucht.

Zeitansage, Gesellschaftsdeutung im Licht des Evangeliums, mag nicht jedermanns Sache sein – ist aber dringlich geboten, und hier leisten Kirchentage Erhebliches. Manches Mal zu (politisch) einseitig, und insgesamt dennoch sachdienlich und wesentlich. So ist es nach meinem Eindruck in diesem Jahr wirklich gelungen, das Thema „Inklusion“ hervorragend neben den wirtschaftsethischen Fragestellungen zu positionieren.

Ich bin dankbar, aber …

Mein Fazit: Es kann keinen Zweifel daran geben, dass viele Menschen ermutigende und für ihren Glauben stärkende Tage in einem sonnigen, einladenden Hamburg erlebten. Und so gesehen bin ich dankbar für dieses in seiner Breitenwirkung und Resonanz einzigartige Angebot in unserem Land.

Zugleich tauchen in der Bewertung des Kirchentages von pietistischer oder evangelikaler Seite auch immer wieder berechtigte Fragen auf: Wird in all der Vielfalt die notwendige geistliche Orientierung auch wirklich geboten? Warum verzichtet der Kirchentag darauf, in einem immer säkulareren und atheistischeren Umfeld missionarisch zu Jesus Christus einzuladen? Warum finden sich gute und wichtige Themenangebote etwa zu „Umwelt und Wandel“, zu „Politik und Gesellschaft“, zum „interreligiösen Dialog“, aber keine Themenreihe „Mission in der postmodernen Gesellschaft“ oder „ethische Orientierung“ in einer Zeit des „Alles ist erlaubt“?

Toleranz heißt Duldung, nicht Akzeptanz!

Mit Sorge beobachte ich etwa den vielstimmig vorgetragenen Versuch, im Toleranzthemenjahr der Reformationsdekade den bedeutsamen Toleranzbegriff nicht mehr im Sinne einer „Duldung“, sondern im Sinne einer „Akzeptanz“ zu füllen. Wissen die Protagonisten dieser Umdeutung, was sie hier eigentlich tun? Was gebietet einem uferlosen Relativismus eigentlich noch Einhalt, wenn „Akzeptanz“ zum Leitbegriff der Begegnung mit dem Gegensätzlichen, dem Widersprechenden wird? Dabei böte es sich an, den Toleranzbegriff in seinem eigentlichen Sinne zu erhalten und dadurch weiter zu schärfen, so dass wir im Sinne der biblischen Botschaft gerne von einer Personenakzeptanz, aber weiter von einer Sachtoleranz sprechen.

Stattdessen verbindet sich beim Kirchentag ein weitreichender Pluralismus mit einer unerklärlich vehementen Abgrenzung all denen gegenüber, die aus Glaubens- und Gewissensgründen eben nicht in das „Akzeptanzhorn“ stoßen können. So müssen sich die Verantwortlichen des Kirchentags bei allem lobenswerten Einsatz für die Ausgestoßenen und „Stimm-losen“ fragen lassen, warum Juden, die Jesus Christus als Messias erkannt haben, hier ebenso unerwünscht sind wie Menschen, die – durchaus im Sinne der nachdenkenswerten Äußerungen des Bundespräsidenten zum Thema „Abtreibung“ – sich für den uneingeschränkten Schutz ungeborenen Lebens einsetzen.

Ein Skandal und viel Gesprächsbedarf

Heillose Verwirrung herrscht zudem im Bereich der Geschlechterorientierung. Immer mehr Menschen merken (endlich), dass „gender mainstreaming“ eben nicht nur das durchaus berechtigte Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit vertritt, sondern in der Auflösung sozialer Geschlechterrollen das jüdisch-christliche Menschenbild der Polarität von Mann und Frau gleich mit erledigen möchte.

Es ist schon ein echtes Skandalon, dass der Kirchentag Menschen, die polyamouröse Beziehungen (mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig) als christlich ethisch verantwortbar bezeichnen, öffentlichen Raum gibt, zugleich aber Menschen, die Beratungsangebote für Homosexuelle, die ihre sexuelle Identität nicht finden können, anbieten, von jeglicher Teilnahme ausgrenzt. Hier herrscht intensiver Gesprächsbedarf, dem man sich seitens des Kirchentages und teils auch seitens der Landeskirchen nicht mit Blick auf die „Mehrheitsverhältnisse“ verweigern sollte.

Unsachgemäße Kritik entspricht nicht dem Geist des Evangeliums

Trotz dieser wichtigen Kritikpunkte halte ich es nicht für angemessen, den Kirchentag nur im Lichte dieser eben gerade nicht toleranten Entscheidungen zu beurteilen. Undifferenzierte Verwerfungsurteile, Diffamierungen des Kirchentages als „Hure Babylon“ und ähnliche Schnellschüsse von Menschen, die oftmals selbst gar nicht anwesend waren, sind weder sachgemäß noch hilfreich, und sie entsprechen auch nicht dem Geist des Evangeliums.

Gespräche suchen, Verständigung finden

Viel mehr kommt es darauf an, dass wir in diesen Fragen immer wieder das Gespräch suchen und uns um gegenseitige Verständigung bemühen. Eine breite Strömung in der Verantwortung des evangelischen Kirchentages und auch in den evangelischen Kirchen ist von Begriffen wie „Akzeptanz“, „Dialog“ und „Weltverantwortung“ geprägt. Das sind wesentliche Elemente christlichen Glaubens und Lebens. Pietistische und evangelikale Christinnen und Christen bestimmen hingegen eher die Begriffe „Wahrheit“, „Zeugnis“ und „Glaubensverantwortung“, deren Substanz für den christlichen Glauben ebenso wenig geleugnet werden kann.

Gemeinsam gegen die Säkularisierung

In dem postmodernen Umfeld unserer Zeit und unseres Landes wird viel davon abhängen, dass wir uns nicht untereinander bekämpfen, sondern gemeinsam das Evangelium bezeugen. Wer glaubt, den missionarischen und gesellschaftlichen Verantwortungen in Deutschland und Europa ohne das breite Spektrum der Kirchentagsbewegung oder ohne die pietistische und evangelikale Bewegung gewachsen zu sein, nimmt nicht wahr, in welch atemberaubendem Tempo unser Land sich säkularisiert. Es ist wieder einmal höchste Zeit, das jeweils dem Gegenüber angeheftete „Schmuddelkinderimage“ durch ernsthaftes Ringen um evangeliumsgemäße Überzeugungen, durch wirklich vorurteilsfreie Begegnungen und durch Wertschätzung des Gemeinsamen zu ersetzen.

Ein erster Schritt wäre getan, wenn die Verantwortlichen des Kirchentages die vielgepriesene Pluralität dieser einstmals aus missionarischen Wurzeln entstandenen Großveranstaltung nicht genau da enden lassen würden, wo andere Christen in ihrer Bindung an Schrift und Gewissen besonders hinschauen. Und umgekehrt, wenn pietistisch und evangelikal geprägte Christenmenschen nicht immer nur die seit Jahrzehnten bestehenden unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen beklagen, den Kirchentag aufgrund einzelner Themenfelder grundsätzlich ablehnen und das dann oft auch noch mit einem negativen Urteil über den Glauben anderer verbinden würden.

Unser Land braucht definitiv mehr echtes, einladendes, fröhlich gelebtes und dankbar vertretenes Christentum, nicht weniger. Dazu bedarf es auch der Überwindung der nach meiner Einschätzung sich gerade wieder vertiefenden Gräben in der evangelischen Christenheit.